DE
Prof. Dr. Elmar Lukas hält eine Kryptowährung in der Hand
08.01.2020 aus 
Forschung + Transfer
Die Erforschung der Kryptowährungen

"Die Digitalisierung klopft bei der BWL an die Tür“, sagt Professor Lukas. Lange Zeit sei er „verschont“ geblieben, hat seine Mathematik genutzt, um Entscheidungen zu optimieren. Entscheidungen, die Unternehmen helfen und die für Unternehmen am besten sind. "Digitalisierung und Industrie 4.0. Das passierte da in den Produktionshallen bei den Maschinenbauern“, sagt der Professor. Weniger Schweiß und weniger Hände, dafür mehr Roboterarme und Schaltpulte in den Fabriken. Wirtschaftswissenschaftler verfolgen so etwas auf dem Papier: weniger Lohnsteuer, mehr Abschreibung. Dann kommt jemand und erfindet digitales Geld und Smart Contracts.

Zahlen, finanzielle Risiken und Kapitalmärkte sind das Tagesgeschäft von Prof. Dr. Elmar Lukas und seinem Team: Am Lehrstuhl für Innovations- und Finanzmanagement der Uni Magdeburg erforscht das Team Entwicklungen und Prozesse in der Finanzwelt. Aber Digitalisierung? Dass man statt auf Papier am Computer schreibt, ist ein alter Hut. Neu ist, dass Geld und Werte materiallos existieren. Münzen und Scheine (fast) ohne stofflichen Wert, Buchgeld, Girokonten, den bargeldlosen Zahlungsverkehr, das alles gibt es schon lange – mehr oder weniger gut kontrolliert durch eine Zentralbank, einer mit der notwendigen Autorität ausgestatteten „Hüterin der Währung“.

Wer oder was aber steuert denn Bitcoin und Co., setzt Regeln, überwacht deren Einhaltung, sanktioniert die Verstöße? Wie hoch und stabil ist ihr Binnenwert, die Kaufkraft, wie kommt ihr Außenwert, kommen Wechselkurse zustande? Zumindest diese Kryptowährungen sind ein großes X, eine große Unbekannte, die beim Team des Lehrstuhls seit einiger Zeit mit im Büro sitzt. Deshalb hat Prof. Dr. Elmar Lukas das FinTechLab – das Finance & Technology Laboratory – eingerichtet: um die neuen Risiken zu erforschen, die „Digitalisierung der Finanzwirtschaft“ auszutesten, technologische Grenzen kennenzulernen und mitzugestalten.

Prof. Dr. Elmar Lukas im FinTechLab. (Foto: Jana Dünnhaupt)Prof. Dr. Elmar Lukas im FinTechLab. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

"Wir befinden uns in einer Phase, in der aus allen Ecken Kräfte der Veränderung auf uns wirken“, erklärt Elmar Lukas den Stand der Dinge, „wobei unklar ist, für welche Bereiche der Finanzwirtschaft der digitale Umbruch Realität wird. Aber man muss irgendwo anfangen, um Fortschritt zu erzeugen.“ Es gäbe noch keinen konkreten Auftrag aus der Industrie, „nur unsere wissenschaftliche Neugier“, sagt der Professor. Das Labor bietet Raum und Ausstattung für die Wissenschaftler, Prototypen rund um die neuen Technologien zu entwickeln. „Konkret entwickeln wir gerade zwei Proof-of-Concepts, um Kristallisationskerne für den Wissenstransfer zu setzen.“ Dem Labor ist auch eine Gründungswerkstatt angeschlossen: Die hat seit ihrer Gründung vor fast 2 Jahren schon knapp 40 junge Gründungsinteressierte aus verschiedenen Fakultäten angezogen.

Kryptowährungen stecken nicht mehr in den Kinderschuhen, aber die ganze Technologie dahinter ist noch so neu, dass viel Raum bleibt, in der Entwicklung einen eigenen Fußabdruck zu hinterlassen, Innovationen hervorzubringen und Anwendungsfelder zu definieren. Anders als bei Euro, Yen oder tadschikischen Somoni haben Bitcoin, Ether und Corda – alles Kryptowährungen – einen eigenen Wert. Ein Bitcoin ist also eher mit einem Gold-Nugget vergleichbar als mit einem 10-Euro-Schein. Anders als Gold, ist es aber eine Technologie und kann digital gehandelt werden, anstatt von Hand zu Hand übergeben zu werden.

Bitcoin – die bekannteste Kryptowährung – kann wie eine Aktie gekauft und verkauft werden. Im Dezember 2017 war der Bitcoin knapp 16.700 Euro wert – ein Höchstwert, ein Jahr später nur 3.100 Euro. Die Werte schwanken sehr stark – für die Wirtschaft ein Risiko und somit relevant für die Magdeburger Wirtschaftswissenschaftler. Wie ist es überhaupt möglich, dass man plötzlich Währungen im Internet findet? Hat einfach jemand gesagt: Hier ist Internetgeld, ihr könnt euch etwas davon kaufen? Jein.

Wie sind Kryptowährungen entstanden?

Zuerst kam die Blockchain – eine neue Technologie, die es möglich macht, Transaktionen im Internet abzuwickeln zwischen zwei Parteien, die sich gegebenenfalls nicht vertrauen. Der Trick: Anstatt beispielsweise eine Bank zu beauftragen, als unparteiische Instanz zum Beispiel eine Überweisung zu kontrollieren, werden Transaktionen einfach öffentlich gemacht. Jeder beliebige Rechner, der im Netzwerk ist, kann sehen, was passiert, aber nicht zwischen wem. Alles ist verschlüsselt und anonymisiert. Nur wer empfängt oder verschickt, kann anhand eines privaten Schlüssels die Schublade öffnen und schauen, wer hinter der Transaktion steckt. Natürlich sitzen nicht ständig Tausende Internetnutzer vor einer Blockchain und kontrollieren gemeinschaftlich, was passiert, diese Aufgabe übernehmen die Rechner selbst.

Beobachten kann man das im FinTechLab auf dem Magdeburger Unicampus. Außer einer Reihe von Computern, jeder Menge technischem LEGO und Mini-Computern für den Prototypenbau stehen hier Bücher über Blockchain, Finanzmathematik, Kapitalmärkte und Programmierung. Der wissenschaftliche Mitarbeiter und stellvertretende Leiter des Labors, Stefan Kupfer, fährt einen Computer hoch und öffnet ein Programm. Wie ganz normales Online-Banking sieht es aus: ein Account-Name in der oberen Ecke, eine Zahl, die nach Kontostand aussieht, Eingabefelder, ein „Senden“-Button. Stefan Kupfer weist eine Transaktion an – und der Computer beginnt zu rechnen. Ein Punkt, zwei Punkte, drei Punkte und wieder von vorn. Der Vorgang braucht Zeit. „Das dauert jetzt ein bisschen, weil nicht viele Rechner im Netzwerk angeschlossen sind“, erklärt er. Tatsächlich, als er zehn weitere Computer im Raum hochfährt und das Programm startet, wird sein Befehl schnell ausgeführt. Die Rechner arbeiten alle zusammen.

Wie setzt sich nun diese „Kette aus Blöcken“ zusammen? Normalerweise werden alle Daten eines Netzwerks auf dem gleichen Server gespeichert – zum Beispiel der Kontoauszug und Geld bei der Bank, aber auch das Facebook-Profil und alle Nachrichten im Chat mit Freunden. Die Daten liegen im kalifornischen Silicon Valley. Bei einer Blockchain werden einzelne Datensätze – zum Beispiel „Maschine1 hat eine Überweisung an Maschine2 gesendet“ – gespeichert und digital an den nächsten Block „Maschine2 hat eine Überweisung von Maschine1 angenommen“ – geheftet. Die Informationen gehen von Computer zu Computer, anstatt über die Bank.

Blockchain auf dem Computer von Prof. Dr. Elmar LukasSo sieht eine Blockchain am Computer aus. Jede Transaktion wird aufgelistet. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Die Magdeburger nutzen eine private kleine Blockchain. Im FinTechLab der Universität werden Werte in der Einheit IFM gehandelt. Benannt nach dem Kürzel für den Lehrstuhl für Innovations- und Finanzmanagement hat Prof. Lukas diese Krypto-Zahlungseinheit gegründet. „Wir hätten es irgendwie nennen können“, sagt der Wissenschaftler, „aber wir wollten damit auch eine Identität schaffen. Es ist unsere virtuelle Währung hier am Lehrstuhl.“ In Euro umrechnen kann man IFM nicht. Aber in den Räumen des FinTechLab kann man ihren Wert so messen: Für ein IFM bekommt man am Automaten einen frisch gebrühten, heißen Kaffee.

Das Geld liegt quasi auf der Straße – genauer: auf der Datenautobahn. Dorthin verlagert hat es der Erfinder namens Satoshi Nakamoto. Das Kuriose ist: Es gibt gar keinen Satoshi Nakamoto. Jemand hat Bitcoin erfunden. Jemand hat 2008 ein Schreiben im Internet veröffentlicht und auf nur acht Seiten erklärt, wie Bitcoin, Kryptowährungen und die Blockchain-Technologie funktionieren. Zwei Monate später, im Januar 2009, wurde die Software dazu kostenlos und frei zugänglich veröffentlicht. Gezeichnet: Satoshi Nakamoto. Doch das ist nur ein Pseudonym.

Fakt ist: Jeder kann an der Software teilnehmen und Bitcoin „schürfen.“ Insgesamt wird es nur 21 Millionen Bitcoin geben.

Wenn Elektroauto und Zapfsäule verhandeln

Die Technologie hinter Kryptowährungen kann noch viel mehr als das. „Bei Blockchain-Lösungen geht es um den Aufbau von Ökosystemen, von Konsortien“, erklärt Elmar Lukas. Es geht um digital vernetzte Zusammenarbeit, nicht nur durch Kommunikation, wie beim Internet of Things (IoT), sondern auch durch Transaktionen. „Stellen Sie sich vor: Das Elektroauto fährt zur Stromzapfsäule und die beiden verhandeln erst mal miteinander“, verdeutlicht der Finanzwirtschaftler an einem Beispiel. Wie viel Akkuladung hat das Auto noch? Wie ist der Strompreis heute? Wie weit ist die nächste Ladesäule weg? Alle möglichen Faktoren würden in einem Algorithmus verarbeitet. Am Ende können Auto und Zapfsäule selbstständig Zahlung und Dienstleistung durchführen.

Ähnlich könnten auch neue Finanzierungsmodelle entstehen. Bisher fallen Investitionsentscheidungen schwer: Wann investiere ich? Wie viel investiere ich? Auf der anderen Seite fragen sich junge Unternehmen: Wie bezahlen wir das? Nun kann das technologisch so gestaltet werden, dass nur Geld fließt, wenn auch die Produktion läuft oder das Dienstleistungsunternehmen Aufträge bucht. Dafür arbeiten die Wirtschaftswissenschaftler mit „Smart Contracts“ – also digitalen Verträgen, die sich selbst ausführen – oder eben nicht. Das typische Beispiel für einen einfachen Vertrag ist der Brötchenkauf. Ein Brötchen wird in Auftrag gegeben, ein Preis wird festgelegt, Geld und Ware werden ausgetauscht – nicht unbedingt in dieser Reihenfolge. Beim digitalen Vertrag sind die Abläufe und Bedingungen gleich, werden aber in Programmiersprache festgelegt: Kaufe ein Brötchen, wenn es Sonntag ist UND die Brötchen frisch sind UND die Brötchen weniger als 35 Cent kosten und so weiter. Ist eine Bedingung nicht erfüllt, kommt der Vertrag nicht zustande – egal ob ihn Menschen ausführen oder Maschinen.

Elmar Lukas hat Physik und Wirtschaftsingenieurwesen auf Diplom studiert, wurde aber in der Wirtschaftswissenschaft promoviert und habilitiert. „Ich selbst bin immer noch leidenschaftlicher Ingenieur“, erklärt er über den Hintergrund der Forschung im Labor. „Die Studierenden müssen lernen, Probleme auch in der Anwendung – und gegebenenfalls interdisziplinär – zu lösen.“ In der Wissenschaft neige man dazu, auf dem Papier zu idealisieren. Da draußen in der Wirtschaft erwartet man von uns aber Lösungen“, so Lukas weiter. Das wolle er auch mit dem Labor nach außen signalisieren – kommt zu uns und sagt: "Wir haben da mal ein Problem. Können wir gemeinsam ein Konzept erarbeiten?" Dann hat er nicht nur Stift und Papier zur Hand, sondern auch Technologie zum Ausprobieren – nah an der Industrie. Denn das Team am Lehrstuhl will die Möglichkeiten und Grenzen der Technologie erfahren, doch die Entwicklungen sollen nicht an der Zielgruppe vorbeigehen.

Als Beispiel erklärt er, wie ein RoboAdvisor arbeiten könnte, also ein automatisiertes Empfehlungssystem für den Kauf von Wertpapieren und Anlageentscheidungen ganz generell: Im Prinzip würde der Robo-Berater den Job des Wertpapierhändlers machen und Informationen über Kurse und Indizes sammeln, über aktuelle Nachrichten und so weiter. Er würde das ideale Portfolio zusammenstellen. Aber würde diese Technologie überhaupt akzeptiert? Wollen Menschen von Maschinen beraten werden? Die Arbeit im FinTechLab beantwortet nicht nur Fragen, sondern wirft auch viele auf. Aber so ist das mit neuen Größen und Unbekannten: Die Wissenschaft klopft sie ab und dringt ins Innere vor, dehnt die Grenzen und gibt damit zukunftsweisende Form. Am Lehrstuhl für Innovations- und Finanzmanagement befinden sich die Wissenschaftler mitten in einer – viele Medien nennen es Revolution, Prof. Dr. Elmar Lukas spricht von Disruption – ein Umbruch, ein Aufbruch.

Und die Magdeburger sind gut ausgerüstet, sie mitzugestalten.

Wussten Sie, dass ...

 
Prof. Dr. Elmar Lukas
Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg
Fakultät für Wirtschaftswissenschaft
Tel.: +49 391 67-58934
E-Mail:
Autor:in: Julia Heundorf
Quelle: GUERICKE ´19