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16.10.2020 aus 
Studium + Lehre
Lehrzeiten in Leerzeiten

Social Distancing, Kontakte meiden: Die Welt machte während des Shutdowns der Corona-Pandemie eine Pause – für die Lehre an der Uni war das jedoch keine Option. Es mussten Lösungen her, Alternativen zu üblichen Lehrveranstaltungen im vollen Hörsaal. Eine Herausforderung für alle Beteiligten. Wie sich die Lehre aus der Not heraus neu und digital entdecken lässt, zeigen die Erfahrungen von Kristin Hecht und Dan Verständig.

Praktische Lehre geht auch online

Praxisnahe Vorlesungen lassen sich nicht in die Online-Lehre übertragen?! Dr. Kristin Hecht von der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik beweist das Gegenteil. „In der Vorlesung ‚Air Pollution Control‘ bitte ich die Studierenden, abzuschätzen, wie viel Kilogramm Luft sie pro Tag einatmen. Ich habe sie gebeten, vorbereitet mit einer Plastiktüte, einem Messbecher und einer Uhr teilzunehmen“, erklärt die junge Wissenschaftlerin. „Über die Breakout-Gruppen in Zoom haben die Studierenden in Kleingruppen nach Antworten gesucht. Am Ende haben wir gemeinsam die verschiedenen Lösungen verglichen. Das funktioniert auch mit 40 Studierenden.“

Dr. Kristin Hecht bei einer digitalen Vorlesung (c) Jana Dünnhaupt Uni Magdeburg

Dr. Kristin Hecht bei einer digitalen Vorlesung (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Die Struktur des Semesters aufrecht zu erhalten, war ihr besonders wichtig. Vorlesungen hat sie darum zu den ursprünglich geplanten Zeiten gehalten – nur eben über Zoom. Experimente im Labor wurden über YouTube gestreamt oder Erklärvideos auf der Plattform bereitgestellt. „Ich nutze auch PowerPoint, um einfache Figuren und Animationen zu entwerfen und diese dann in ein Video umzuwandeln. Dazu brauche ich kein kompliziertes Werkzeug.“ Ihr erstes Video ist in einem zweitägigen Seminar für Lernvideos im ZWW entstanden. „Vorher hatte ich mir das viel komplizierter vorgestellt“, erinnert sich die gebürtige US-Amerikanerin.

Dass Studierende und Lehrende zeitlich und räumlich flexibel sind, sieht Kristin Hecht als großen Vorteil der Online-Lehre – vor allem aufgezeichnete Videos seien eine gute Ergänzung. So kann sie ihr Material wiederholt verwenden und den Studierenden vor den Prüfungen noch einmal zur Verfügung stellen. Auch die Feedback-Kultur sei viel lebendiger: „Unter den Videos gibt es viele Likes und Kommentare – vielleicht ist die Hemmschwelle online niedriger“, erzählt sie begeistert. Dass Dr. Hecht der Umstieg auf digitale Lehre so gut gelungen ist, liegt sicher auch an ihrer Einstellung: „Ich sehe die Lehre eigentlich nur als ein Ansporn für das eigene Lernen“, fasst sie ihre Lehrphilosophie zusammen.

Digitale Tools einfach ausprobieren

Der Erziehungswissenschaftler Juniorprofessor Dan Verständig erforscht, wie digitale Medien unser Lernen beeinflussen. Für seine Lehrveranstaltungen hat er schon vor der Corona-Krise mit digitalen Tools experimentiert. Die gesamte Lehre zu digitalisieren, hält er dennoch nicht für sinnvoll: „Lehre ist immer auch eine soziale Beziehung zwischen Lehrenden und Lernenden, gerade zwischenmenschliche Aspekte sind entscheident“, gibt er zu bedenken.

Umso wichtiger sei es, diesen Austausch auch digital zu ermöglichen. Studierende können ihn zum Beispiel über den Messenger Wire oder den Microblogging-Dienst Twitter kontaktieren; „persönliche“ Termine über calendly mit ihm vereinbaren. Eine Software, die alles abdeckt, hat der Nachwuchswissenschaftler aber auch nicht: „Man muss überlegen, was man eigentlich erreichen will. Einen Nagel will ich ja auch nicht mit einer Bohrmaschine in die Wand schlagen“, trifft Dan Verständig den besagten Nagel auf den Kopf.

Jun.-Prof. Dan Verständig beim Zoom-Meeting (c) privat

Jun.-Prof. Dan Verständig beim Zoom-Meeting (Foto: privat)

Aus eigenen und Fehlern anderer könne man aber sehr schnell lernen – zum Beispiel, die Lehrveranstaltungen nicht eins zu eins in Videomeetings übertragen zu wollen: „Da gibt es viele didaktische Fallstricke. Digitale Lehre ohne die Vielfalt von synchronen und asynchronen Formaten umzusetzen, halte ich für schwierig“, erklärt er. Für die Ringvorlesung „Autonomie im digitalen Zeitalter?!“ hat Dan Verständig darum mit Studierenden begleitend zur Veranstaltung einen Podcast produziert, der auch nach der Zoom-Vorlesung zur Verfügung steht.

Die Herausforderung „digitale Lehre“ habe die Uni gut gemeistert, findet er. „Mit Covid-19 haben wir gesehen, wie wir diesen Schwierigkeiten mit digitalen Technologien begegnen können. Jetzt müssen wir uns darüber austauschen, wie es nach der Krise weitergeht“, so Verständig. „Digitale Lehr- und Lernsettings sollten nicht nur als Backup für Krisen dienen, sondern sich vor allem auch an den Anforderungen des lebenslangen Lernens messen lassen.“

Podcast über die digitale Lehre

Der Koordinator der AG E-Learning, Dr. Mathias Magdowski, hat einen guten Einblick in die Online-Lehre der Uni. In einem Podcast sprach er mit Pressesprecherin Katharina Vorwerk über die digitale Lehre während der Corona-Krise.