Gleichstellung verbinden wir oft mit Geschlecht, Herkunft oder sozialer Teilhabe. Doch im Universitätsalltag spielen auch unterschiedliche Vorstellungen von Arbeit, Führung und Kommunikation eine große Rolle. Im Interview sprechen Dr. Mareike Fingerhut-Säck, Gleichstellungsbeauftragte der Uni, und Saskia Salmen, Diversity Consultant, darüber, wie generationenübergreifende Zusammenarbeit gelingen kann.
Gleichstellungsarbeit betrifft in der Wahrnehmung vor allem Geschlechterfragen, aber reicht dieser Blick aus?
Mareike Fingerhut-Säck: Geschlecht, Herkunft und soziale Teilhabe sind zentrale Fragen der Gleichstellung, hier gibt es weiterhin strukturelle Ungleichheiten. Aber im Unialltag prägen auch Altersdiversität und damit verbundene Arbeitskulturen unseren Campus: Dann stehen Pragmatismus, institutionelles Wissen und ein großer Erfahrungsschatz neuen Selbstverständlichkeiten, anderen Arbeitsweisen und Veränderungsimpulsen gegenüber und führen zu Spannungen. Entscheidend ist, die verschiedenen Sichtweisen nicht zu bewerten oder hierarchisch zu ordnen, sondern als legitime Beiträge anzuerkennen.
Saskia Salmen: Auf dem Campus begegnen sich Menschen aus mindestens vier Generationen mit unterschiedlichen biografischen Prägungen, auch durch ost- und westdeutsche Sozialisationskontexte. Digitalisierung, Internationalisierung und neue Vorstellungen von Elternschaft verändern die Hochschulkultur zusätzlich. Dadurch entstehen Missverständnisse: bei der Kommunikation, beim Führungsverständnis oder bei der Frage, wie flexibel Zusammenarbeit sein soll. Wichtig ist es, diese Unterschiede nicht sofort als Problem zu deuten. Sie gehören zu einer vielfältigen Organisation einfach dazu. Aber je weniger wir voneinander wissen, desto schneller entstehen Missverständnisse. Begegnung und Austausch helfen, Unterschiede als Ressource zu nutzen.
Wo werden unterschiedliche Erwartungen besonders sichtbar?
Mareike Fingerhut-Säck: In der Zusammenarbeit zwischen unterschiedlichen Statusgruppen und Generationen zeigen sich hier und da Konfliktlinien. Die einen erwarten schnelle, direkte und informelle Kommunikation per E-Mail oder Chat, wünschen sich Partizipation, flachere Hierarchien und flexible Arbeitsformen. Andere legen Wert auf formelle Wege, klare Abstimmungen und Hierarchien in der Ansprache, orientieren sich an klaren Zuständigkeiten, festen Entscheidungswegen und Verantwortlichkeiten. Führungskräfte stehen dann in einem stetigen Spannungsfeld.
Wichtig ist, diese unterschiedlichen Erwartungen konkret sichtbar zu machen und nicht in Stereotype bei der Bewertung nach Gen X, Y oder Z zu verfallen, da solche Vorurteile individuelle Kompetenzen und Perspektiven verdecken und beeinflussen, wessen Stimme Gewicht hat. Klare Kriterien in Auswahl- und Bewertungsverfahren helfen, unbewusste Zuschreibungen zu begrenzen. Das ist natürlich anstrengender als seinen Vorurteilen zu folgen, aber erst so können Teams klären, wie sie gut zusammenarbeiten.
Saskia Salmen: Unterschiede an sich sind ja nicht das Problem. Problematisch wird es dann, wenn daraus Urteile entstehen: Die einen gelten dann als technikfern, die anderen als unaufmerksam oder zu digital geprägt. Erwartungen an Tempo, Erreichbarkeit und Umgang mit Wissen verändern sich schnell. Umso wichtiger ist es, gegenseitiges Verständnis zu schaffen und niemanden zurückzulassen.
Wurde das Thema Generationengerechtigkeit in der Gleichstellungsarbeit bisher unterschätzt?
Saskia Salmen: Ja, dieser Aspekt wird vergleichsweise noch zu wenig systematisch betrachtet. Durch den vor uns liegenden Generationenwechsel an der Uni müssen wir stärker fragen, welche generationenspezifischen Erwartungen den Universitätsalltag prägen. Handlungsbedarf sehen wir vor allem dort, wo Strukturen noch stark von linearen Lebensläufen ausgehen, aber Karrierewege verlaufen heute sehr unterschiedlich. Es geht nicht darum, neue Gegensätze zwischen Generationen zu schaffen. Es geht darum, Voraussetzungen, Erwartungen und Belastungen zu identifizieren und generationenübergreifend für Verständigung zu sorgen.
Wie gelingt nun gemeinsam ein Übergang, wie lässt sich Erfahrungswissen sichern, ohne Neues auszubremsen?
Mareike Fingerhut-Säck: Der Generationenwechsel ist eine Chance, wenn er aktiv gestaltet wird. Das Wissen aus langjährigen Netzwerken und individuell geprägten, informellen Abläufen geht verloren, wenn es nicht systematisch und bewusst weitergegeben wird. Neue Kolleginnen und Kollegen bringen andere Arbeitsweisen, digitale Routinen und neue Erwartungen an Zusammenarbeit und Führung mit. Erfahrung und Erneuerung sollten aber nicht als Gegensätze verstanden werden, sondern als Ergänzung. Dafür braucht es aber ein systematisches Wissensmanagement. Wissen darf nicht allein an einzelnen Personen hängen, sondern zentral und digital zugänglich dokumentiert werden. Die Universität braucht eine Kultur, die Erfahrungswissen wertschätzt, ohne Veränderung zu blockieren.

Saskia Salmen und Dr. Mareike Fingerhut-Säck. (Foto: Jana Dünnhaupt/Uni Magdeburg)
Welche Maßnahmen könnten dabei helfen?
Mareike Fingerhut-Säck: Wichtig sind flexiblere Arbeits- und Karrierewege: Menschen übernehmen Pflege- oder Familienaufgaben, steigen später ein oder wechseln zwischen Tätigkeitsfeldern. Darauf müssen Strukturen besser reagieren. Auch die Führungskultur verändert sich. Geteilte Führung oder Tandem-Leitungen können Verantwortung besser verteilen und unterschiedliche Lebenssituationen berücksichtigen, benötigen aber klare Kommunikationsprozesse.
Saskia Salmen: Dafür müssen wir den Menschen auf dem Campus zuhören. Wir müssen wissen, was sie brauchen, wo es Hürden gibt und was bereits gut funktioniert. Im Diversity Audit mit dem Stifterverband arbeiten wir daran, Vorhandenes besser zu bündeln, sichtbar zu machen und zugänglicher aufzubereiten.
Was können Führungskräfte tun, damit Unterschiede als Ressource erlebt werden?
Mareike Fingerhut-Säck: Der wichtigste Punkt ist die Haltung: Unterschiede sind kein Störfall, sondern normaler Bestandteil von Zusammenarbeit. Führungskräfte prägen stark, ob Vielfalt als Belastung oder als Ressource erlebt wird. Teams sollten gemeinsame Spielregeln klären: Wie kommunizieren wir? Wie treffen wir Entscheidungen? Wie gehen wir mit Konflikten um? Solche Absprachen verhindern Missverständnisse.
Saskia Salmen: Unterschiede erweitern den Blick. Das kann unbequem sein, ist aber wertvoll. Forschung profitiert, wenn Fragen aus neuen Perspektiven gestellt werden. Studium und Verwaltung profitieren, wenn Angebote besser zu den Lebensrealitäten der Menschen passen. Für Gremien heißt das, zu prüfen, ob ihre Zusammensetzung die Realität auf dem Campus abbildet. Welche Statusgruppen, Altersgruppen und Kompetenzen sind vertreten? Welche Perspektiven fehlen? Und wer trägt welche Verantwortung? Die Beantwortung dieser Fragen hilft, Vielfalt in Entscheidungen wirksam zu machen.
Welche Bedeutung für ihre Arbeit hat darüber hinaus das Thema Meinungsvielfalt, also das Aushalten völlig anderer Standpunkte und Lebensentwürfe?
Mareike Fingerhut-Säck: Eine Universität lebt davon, dass unterschiedliche Perspektiven aufeinandertreffen: Wissenschaft braucht Widerspruch, Kritik und Streit. Meinungsvielfalt ist aber kein Freibrief, sondern steht immer im Zusammenhang mit gemeinsamen Werten wie Respekt, Würde und wissenschaftlichen Standards. Wo Äußerungen diskriminieren, abwerten oder Menschen ausschließen, geht es nicht mehr um den produktiven Diskurs. Wir brauchen deshalb Räume, in denen auch unbequeme Positionen geäußert werden können und zugleich klare Regeln für den Umgang miteinander herrschen. Eine gute Streitkultur hält Unterschiede aus, ohne Menschen herabzusetzen. Dieser Prozess ist nicht immer einfach, aber eine gute Streitkultur sollte uns als universitäre Gemeinschaft ausmachen.
Was macht Diversität für uns so wertvoll und wo liegen die Herausforderungen?
Mareike Fingerhut-Säck: Unsere Vielfalt ist eine große Stärke. Unterschiedliche Hintergründe erweitern den Blick auf wissenschaftliche Fragen, bereichern die Lehre, bringen verschiedene Zugänge zu Wissen, Lernen und Zusammenarbeit mit. Herausfordernd wird es, wenn Erwartungen unausgesprochen bleiben und gemeinsame Regeln als Leitplanken fehlen. Wie direkt darf Kritik sein? Wie zeigt man Respekt? Wie verbindlich sind Absprachen? Wie wird mit Konflikten umgegangen? Darauf gibt es je nach Sozialisation und Erfahrung unterschiedliche Antworten. Deshalb braucht Vielfalt vor allem Kommunikation. Wenn wir Unterschiede als normalen Teil des Miteinanders verstehen, kann aus Reibung etwas Produktives entstehen.
Zu den Personen
Dr. Mareike Fingerhut-Säck ist Gleichstellungsbeauftragte der Universität Magdeburg. Sie befasst sich mit Chancengerechtigkeit, Teilhabe und Hochschulkultur und begleitet Prozesse für eine faire und vielfältige Universität.
Saskia Salmen arbeitet als Diversity Consultant an der Universität und beschäftigt sich damit, wie Diversität in Strukturen, Prozessen und in der Universitätskultur strategisch und nachhaltig verankert werden kann.