Stefan Weidner ist gelernter Wirtschaftsinformatiker. Seit 2001 arbeitet er im SAP-Zentrum der Uni Magdeburg und übernahm 2009 dessen operative Leitung. Die mittlerweile fast 50 Mitarbeiter des weltweit größten Zentrums dieser Art entwickeln und betreuen Lernumgebungen für mehr als 900 Bildungseinrichtungen in 86 Ländern. Seit der Corona-Pandemie möchte Stefan Weidner sein Expertenwissen aktiv und ehrenamtlich einbringen. So nahm er als Bereichsleiter in einem BMBF-Projekt maßgeblichen Einfluss auf den Prototypen der nationalen Lernplattform “Mein Bildungsraum“. Durch seine Tätigkeit in diesem Bundesprojekt kam schließlich die Anfrage, ob er sich vorstellen könnte die sich damals bildenden Hochschulallianz EU GREEN zu unterstützen.
Bereits in der Antragsphase brachte der Informatiker die Idee der nachhaltigen Nutzung von IT ein. Seit 2023 leitet er das Arbeitspaket „Digitale Infrastruktur“. Seine Kollegen des SAP UCC Magdeburg und er identifizieren und vernetzen bestehende Systeme und Services der insgesamt neun europäischen Hochschulen der EU GREEN Allianz. Jeder Dozent, Studierende und Verwaltungsmitarbeiter soll sich im Rahmen des Verbundes künftig mit seinem lokalen Hochschulaccount bei den anderen Partneruniversitäten einloggen können. „Nachhaltige IT lebt von der Kenntnis und der gemeinsamen Nutzung bereits vorhandener Infrastruktur, anstatt jedes Mal lokal neue Hardware oder Software zu installieren“, erklärt Weidner.
Zusätzlich unterstützt der IT-Mitarbeiter das EU-GREEN Arbeitspaket „Sustainable Campus and Wellbeing“, das die schwedische Universität in Gävle leitet. Neben Initiativen zur Bewegung im Alltag oder einem gesunden, internationalen Mensa-Speiseplan ging daraus auch das Projekt „Insectopia“ hervor. Dessen Ziel ist es Eutopien (griechisch: „gute Orte“) für Insekten auf den Flächen der neun Partnerhochschulen zu schaffen. Gemeinsam mit Anna von Busse und Ian Averkamp reichte Stefan einen Antrag für ein OVGU Biodiversitätslabor auf dem Magdeburger Unicampus ein. Eine etwa 20m x 20m große Fläche direkt am EU GREEN Pavillon soll schrittweise und gemeinsam mit Interessierten in einen Naturgarten umgewandelt werden. Als naturnaher Mitmach-, Lern- und Arbeitsort soll Magdeburger Bürgern gezeigt werden, wie sich im heimischen Garten oder auf dem Wohnungsbalkon insektenfreundliche Biotope, insbesondere für Wildbienen, schaffen lassen.
„Viele denken, wenn sie das Wort Insektensterben hören, automatisch an die nicht einheimische Honigbiene. Diese ist durch die fürsorgliche Arbeit der Imker jedoch gar nicht vom Aussterben bedroht. Für viele unbekannt gibt es daneben tausende Wildbienenarten, die etwa die Hälfte der Blütenbestäubung übernehmen. Von den in Deutschland vorkommenden 600 Wildbienenarten ist etwa die Hälfte vom Aussterben bedroht oder stark gefährdet“, klärt Stefan Weidner auf. Seit Sommer 2025 arbeitet der Informatiker mit einem Kernteam aus EU GREEN-Mitgliedern der OVGU sowie interessierten Magdeburger Bürgern an der Umsetzung von Naturmodulen. Stefan ist Teamleiter und freut sich, dass so bereits zwei Module für nährstoffreichen Boden, eine sogenannte Fettwiese, sowie für mineralisches Substrat, ein Magerbeet, entstanden sind und neben Insekten auch Nahrung und Nistorte für Reptilien, Vögel und Kleinsäugetieren bieten.
Der Wirtschaftsinformatiker entwickelte sein Passion zum Naturgarten während der Corona-Pandemie. Stefan gestaltet im eigenen Garten den pflegeintensiven Sport- und Spielrasen nach und nach in verschiedene insektenfreundliche Biotope um. „Ein häufig gemähter Rasen mag für den menschlichen Betrachter ästhetisch und natürlich wirken, für Bestäubungsinsekten ist er genauso wertlos wie eine Betonfläche. Unsere Wildbienen finden dort weder Pollen und Nektar noch Rückzugsorte. Darüber hinaus erkennen sie nur einheimische Pflanzen, an die sie sich während der Evolution angepasst haben. Neben Monokulturen in der Landwirtschaft tragen Kirschlorbeer, Forsythie und Thuja sowie jede Pflanze mit gefüllten Blüten im eigenen Garten aktiv zum Artensterben bei“, erklärt der ehrenamtliche EU GREEN-Mitarbeiter.
Auch in 2026 solle den Magdeburgern aktiv in Workshops oder passiv durch einen kostenlosen Besuch des OVGU Biodiversity Lab veranschaulicht werden, wie einfach sie einen Teil ihres Gartens zu einem pflegeleichten Naturbeobachtungsort machen und so persönlich gegen das Insektensterben wirken können. Im Frühjahr sollen ein Sandarium für in der Erde nistende Wildbienen sowie ein sogenannter Käferkeller angelegt werden und zum Nachbau zu Hause anregen. „Die Gesamtfläche aller Gärten in Deutschland entspricht ungefähr der Ausdehnung der deutschen Naturschutzgebiete. Würde nur ein Teil davon umgestaltet werden, könnte dadurch die Biodiversität nachhaltig gefördert werden“, erklärt Weidner. Da viele Wildbienen nur einen Bewegungsradius von wenigen hundert Metern haben, begünstigt die Vielzahl solcher menschlich angelegten ‚Trittstein-Biotope‘ die Verbreitung und Stärkung heimischer Insektenpopulationen.
Während der ersten sechs Monate haben sich aus dem Biodiversitätslabor bereits zwei weitere Initiativen entwickelt. Die Kunstinstallation „Green Chairs“ schlägt die Brücke zwischen der menschlichen und tierischen Perspektive auf Natur, Schönheit und Nutzen. Das Projekt BioUniversity ermöglicht es Magdeburger Bürgern Pflanzen mithilfe einer App zu erkennen und zu kartographieren, was lokale Biodiversität oder eben deren Fehlen vor Augen führt. Darüber fördern Kooperationen mit dem Unigarten MagdeGrün e.V., der Wildbienenallianz Magdeburg sowie mit IkuGa e.V. den fachlichen Austausch, die Vernetzung bestehender Communities und die breite Information der Öffentlichkeit.
* EU GREEN ist eine Allianz von neun europäischen Universitäten. Ziel der Allianz ist es Nachhaltigkeit in Bildung, Forschung, Innovation und Gesellschaft zu fördern.