Erkenntnisse zu gewinnen ist nur die halbe Miete, Wissenschaft muss auch gehört werden. Der Transfer von Forschung in die Gesellschaft zählt zu den wichtigsten Aufgaben einer Universität. Doch klappt das in der Praxis wirklich? Linguist Prof. Kersten Sven Roth gibt im Interview Einblicke, was gelingt und woran es noch hapert.
Wie gut schafft es denn die Wissenschaft, ihr Wissen in der Gesellschaft ankommen zu lassen? Auf einer Skala von 1 bis 10?
Da kann ich es mir leicht machen und die Frage einfach nicht beantworten, denn uns fehlt schlicht die Skala, uns fehlen die Kriterien dafür. Und Wissenschaft sollte Fragen, die sie nicht beantworten kann, auch nicht beantworten.
Wissenschaft sagt oft: „Wir wissen es noch nicht genau.“ Das hat man auch vor allem bei der Corona Pandemie bemerkt. Viele Menschen hören dabei, aber: „Denen kann man nicht trauen.“ Ist das ein Missverständnis, das sich nie auflösen lässt?
Jedenfalls ist es ein Missverständnis, und zwar ein schwerwiegendes. Denn Nichtwissen ist für Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler eigentlich der Motor von allem. Wenn ich glauben würde, dass ich alles über Sprache weiß, würde ich morgens nicht mehr zur Arbeit kommen. Das Nichtwissen, das Noch-nicht-genau-Wissen, das ist es, was uns antreibt und uns letztlich auch legitimiert, überhaupt Wissenschaft zu betreiben.
Gleichzeitig ist es verständlich, dass Laien sich von der Wissenschaft Orientierung und Sicherheit wünschen. Das wollen wir ja auch selbst in allen Bereichen, in denen wir Laien sind, bei allen anderen Wissenschaften also. Das ist also nichts Illegitimes, aber es passt nicht besonders gut zusammen mit dem, was Wissenschaft eigentlich leisten kann.
Die Virologinnen und Virologen haben das in den letzten Jahren vermutlich am leidvollsten erfahren. Wir haben vor einigen Jahren hier in der Linguistik ein Projekt zur medialen Kommunikation von Virologinnen und Virologen während Corona durchgeführt, in diesem stark politisierten Kontext. Da konnten wir gut zeigen, wie schwierig das ist. Und tatsächlich haben die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler, die damals aktiv waren, im Nachhinein selbst beschrieben, dass sie diese Herausforderung unterschätzt hatten.
Sie schauen als Linguist ganz genau hin, wie über Wissenschaft gesprochen wird. Was sehen Sie denn dabei, was anderen gar nicht auffällt?
Tatsächlich wird das Problem der Wissenschaftskommunikation häufig vor allem unter dem Aspekt der Verständlichkeit betrachtet, also unter der Annahme, wir hätten Schwierigkeiten, verständlich zu machen, womit wir uns beschäftigen. Das ist aber wahrscheinlich gar nicht das größte Problem. Viele von uns sind durchaus in der Lage, einigermaßen nachvollziehbar zu erklären, was wir tun und warum wir es tun.
Das eigentliche Problem ist eher der Wechsel, der stattfindet, wenn wir in die Öffentlichkeit gehen: der Wechsel in einen anderen Diskursraum mit anderen Regeln, in dem etwas anderes von uns erwartet wird und wir auch in eine andere Rolle schlüpfen in gewisser Weise. Plötzlich wird unsere Persönlichkeit wichtig, unser Auftreten, ob wir sympathisch wirken oder nicht, und vieles mehr. All das sind Dinge, die wir ja in der internen Wissenschaftskommunikation für irrelevant erklären, ob zu Recht oder zu Unrecht. Genau das sind eigentlich die größeren Herausforderungen, und sie sind viel komplexer als die Frage der Verständlichkeit – die natürlich auch eine Rolle spielt.
Wissenschaft begegnet heute Gesellschaft und Politik auf vielen Ebenen. Forschende sitzen in Beratungsgremien, geben Pressekonferenzen oder erklären in Talkshows die Welt. Doch wo liegen denn die größten Hürden in diesen Beziehungen und ist die wachsende Sichtbarkeit von Wissenschaft eine Erfolgsgeschichte des Wissenransfers? Oder bringt sie auch neue Probleme mit sich?
Wie immer lautet da die wissenschaftlich-diplomatische Antwort: beides. Es ist sicherlich ein Erfolg, bringt aber auch Probleme mit sich. Relativ unproblematisch ist es dort, wo es im engeren Sinne um Politikberatung geht, einfach auch deshalb, weil man es dabei in der Regel nicht mit Laien zu tun hat, sondern mit Fachpolitikerinnen und Fachpolitikern, die einen relativ hohen Wissensstand haben und in den jeweiligen Diskursen verankert sind.
Problematisch wird es dagegen im politischen Raum in der Öffentlichkeit. Denn Politik muss Wissenschaft in der Öffentlichkeit notwendigerweise funktionalisieren, das ist auch gar nichts Illegitimes, sondern angesichts der Anforderungen, die an Politik gestellt werden, unumgänglich. Aber das ist natürlich etwas, das man gut reflektieren muss: warum man gerade gefragt ist, sich im politischen Raum wissenschaftlich zu äußern.
Also muss man sich schon auch überlegen, in welche Talkshow man so geht und was das am Ende vielleicht auch bedeutet.
Auf jeden Fall. Man muss zunächst immer von der medialen Situation her denken: Warum gibt es diese Sendung, was ist ihr Ziel? Denn es ist nicht nur die Politik, die funktionalisiert, auch Medien tun das. Talkshows etwa sind ein Unterhaltungsformat, das beispielsweise auf Konflikte und Personalisierung angewiesen ist.
Fachsprache ist präzise, aber für viele Menschen unverständlich. Begriffe wie Klimakrise oder Risiko haben in der Wissenschaft eine völlig andere Bedeutung als im Alltag. Welche Probleme entstehen denn dadurch? Und lässt sich der Graben zwischen wissenschaftlicher und alltagssprachlicher Kommunikation überbrücken?
Ja, das Problem ist zunächst, dass wir unsere wissenschaftliche Sprache nicht einfach unverändert nach außen tragen können. Das wäre am einfachsten und auch am effektivsten, funktioniert aber nicht. Die Präzision wissenschaftlicher Sprache ergibt sich im Wesentlichen daraus, dass sie mit Terminologie arbeitet, also mit definierten Bedeutungen. Ein Terminus ist, linguistisch betrachtet, ein Wort mit einer festgelegten Bedeutung.
In der Alltagssprache haben Wörter dagegen keine festgelegte Bedeutung. Es gibt dazu dieses sprachphilosophische Gedankenspiel: Wie viele Körner sind ein Haufen? Das lässt sich nicht beantworten, weil die Bedeutung von „Haufen" semantisch gar nicht festgelegt ist. Termini haben eine solche festgelegte Bedeutung, im öffentlichen Raum ist diese aber nicht bekannt. Im Gegenteil: Dieselben Wörter haben dort notwendigerweise eine offene, interpretationsabhängige Bedeutung.
Gibt es also zunächst einen Graben? Ich würde sagen: ja, aber man kann ihn durchaus überwinden, indem man ihn reflektiert und im Zweifelsfall ganz auf terminologischen Sprachgebrauch verzichtet. Stattdessen versucht man, die Dinge aus der Logik der Alltagssprache heraus zu denken und auszudrücken. Man wird dann vielleicht etwas weniger bewundert innerhalb und außerhalb seinen Fachs – dafür aber verstanden.
Manche Politikerinnen und Politiker oder auch Medien widerlegen Expertenwissen selten inhaltlich. Sie machen es lächerlich oder einfach unglaubwürdig. Was können Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler dagegen tun?
Zunächst gilt: durchhalten und sich nicht anpassen. Das trifft auf viele gesellschaftliche Bereiche zu, für die Wissenschaft aber vielleicht ganz besonders.
Gleichzeitig sollte man sich gut überlegen, wie man der Gesellschaft auch ganz konkret Einblick geben kann in das, was wir tun. Wir haben dafür einen wunderbaren Namenspatron: Otto von Guericke. Für Naturwissenschaftler und Ingenieurinnen ist er besonders wegen seiner naturwissenschaftlichen Erkenntnisse interessant, für mich ist er vor allem wegen seiner Wissenschaftskommunikation interessant. Das Besondere an seinem Halbkugelexperiment war, dass er die Menschen tatsächlich sehen ließ, was er tat, anstatt im Hörsaal zu bleiben und seine Erkenntnisse dort zu verbreiten.
Ich glaube, es ist sehr wichtig, dass wir genau das tun, oft es möglich ist. Denn das wirkt allen Formen von Verdächtigungen und Unterstellungen entgegen. Es gibt ja dieses James-Bond-mäßige Bild vom leicht verrückten Wissenschaftler, der letztlich eine Gefahr darstellt, und genau dem kann man so entgegenwirken. Das, glaube ich, können wir gar nicht genug tun.
Wie und in welchen Kontext sollte Wissenschaft überhaupt politisch sein?
Ob Wissenschaft politisch sein sollte, weiß ich nicht. Aber sie ist politisch, das ist unumgänglich. Schon allein durch die Entscheidung, was sie für forschungswürdig hält, ist sie das. Wenn ich zum Beispiel ein selbstfahrendes Lastenrad entwickle, hat das ganz viele politische Implikationen – etwa in Fragen der wünschenswerten Gestaltung von Mobilität. Das muss man wissen: Es funktioniert gar nicht „unpolitisch“.
Bei den Humanwissenschaften, aus denen ich komme, ist das natürlich noch viel stärker der Fall. Wir beschäftigen uns mit dem Menschen und mit Gesellschaft, und deshalb ist es wichtig zu reflektieren, dass das, was wir wissenschaftlich erforschen, mindestens politische Konsequenzen hat.
Gleichzeitig würde ich für die Humanwissenschaften sagen, dass sie aus demselben Grund auch die Leitwissenschaften sind, wenn es um die Reflexion solcher Fragen geht. Es hat gute Gründe, warum keine namhafte Universität mit natur- und ingenieurswissenschaftlichem Profil auf eine starke Humanwissenschaft verzichtet.
Podcasts, YouTube Erklärvideos, Tiktoks: Können diese Formate ernsthaft für mehr Verständnis von Wissenschaft sorgen oder kratzen sie nur an der Oberfläche?
Social Media war eine große Verheißung, als sie aufkamen: die Hoffnung, dass sich Wissen dadurch besser verbreiten und leichter vermitteln lässt. Ein Stück weit stimmt das auch, jedenfalls was fachliche Inhalte angeht: Wenn man sie klein genug fasst, funktioniert das durchaus. Das eigentliche Problem ist aber, dass dabei ein falsches Bild von Wissenschaft vermittelt wird. Deshalb finde ich es mittlerweile eher gefährlich, das noch weiter zu intensivieren.
Wenn ich als Wissenschaftlerin oder Wissenschaftler in 30 Sekunden meine Erkenntnisse erkläre, steht das gleichwertig neben den 30 Sekunden irgendeines TikTokers oder einer Telegram-Gruppe. Das ist gefährlich, denn dann liegt Misstrauen gegenüber der Wissenschaft nahe – schließlich kann sie ja offenbar auch in 30 Sekunden erklären, was sie tut. Den ganzen Aufwand, den wir betreiben, und die vielen Ressourcen, die wir angeblich brauchen, stellen wir damit eher in Frage, statt ihre Notwendigkeit transparent zu machen.
Deshalb glaube ich: Man kommt an Social Media nicht vorbei, aber man muss vorsichtig damit umgehen.
Neben Social Media gibt es jetzt auch die KI. Ist KI dann die größte Chance seit Erfindung des Internets, um wissenschaftliches Wissen für alle zugänglich zu machen?
KI ist die nächste Verheißung, von der man das Gleiche denken kann. Und auch hier stimmt es ein Stück weit: KI stellt Wissen und Wissenschaft in einer Weise zur Verfügung, wie wir das nie hatten. Ich zum Beispiel, der nichts von Programmierung versteht, kann mir von ChatGPT eine einfache kleine App programmieren lassen. Das ist schon erstaunlich. Gleichzeitig erwerbe ich dadurch in Wirklichkeit kein Wissen. Früher hätte ich mir das von einer Kollegin aus der Informatik machen lassen müssen – dann hätte ich zwar die App gehabt, mir aber nicht eingebildet, dadurch Wissen erworben zu haben. Genau das ist ein Stück weit die Illusion von KI: Wissen muss man sich eben angeeignet haben, um darüber verfügen zu können.
Das andere Problem von KI, jedenfalls so, wie wir sie bisher haben, ist, dass sie Muster reproduziert, etwas anderes kann sie ja gar nicht. Wir schauen uns das gerade in einem Seminar in der Germanistik an. Und genau das ist eigentlich nicht der Kern von Wissenschaft. Wissenschaft zeichnet sich vielmehr dadurch aus, dass sie Muster überwindet.
ChatGPT wirkt auf mich immer ein bisschen wie der Musterschüler, der alles weiß, aber nicht derjenige ist, der einen neuen Weg bahnen oder sich etwas wirklich Neues „out of the box“ ausdenken kann. Genau das aber ist ein notwendiges Merkmal von Wissenschaft.
Sind Sie dann zuversichtlich, dass Wissenschaft, Gesellschaft und Politik in zehn Jahren besser im Gespräch sind als heute? Was sehen Sie für eine Entwicklung?
Wissenschaft muss zuversichtlich sein. Wissenschaft, wie wir sie heute kennen, ist ein Produkt der Aufklärung. Und genau das war der Reiz der Aufklärung und der Kern ihres Erfolgs: eine Verheißung, ein Versprechen, dass die Welt besser wird. Ich glaube, das müssen wir auch in der Wissenschaft weiterhin annehmen und daran arbeiten. Von selbst wird es nicht passieren.
Vielen Dank für das Gespräch!