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23.06.2026 aus 
Forschung + Transfer
Wo früher Zucker lagerte, entsteht Magdeburgs Zukunft

Magdeburgs historischer Binnenhafen hat sich zum Wissenschaftshafen gewandelt – und entwickelt sich weiter zu einem Stadtquartier mit medizinischem Hightech-Ökozentrum als Mittelpunkt. Das transPORT-Projekt der Uni Magdeburg wird als ein Reallabor für den Strukturwandel bis 2029 vom Bund gefördert. In offenen Werkstätten kann jede und jeder die Zukunft des Wissenschaftshafens mitgestalten.

Ausflügler steuern gern das „Areal der historischen Schiffe“ im Magdeburger Wissenschaftshafen an. Groß und Klein erkunden Schleppdampfer, Taucherschacht und Schwimmbagger. Seit dem Frühjahr präsentieren sich hier auch „rollende Kulturbeete“ mit der Fotoausstellung HAFEN.ZEIT.REISEN. Sie veranschaulicht den Wandel des Magdeburger Wissenschaftshafens. „Studieren ab 50“ der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg haben das Hafenareal über Jahrzehnte fotografisch begleitet und die architektonischen Veränderungen, kulturellen Aktionen und vor allem die Ansiedlung der wissenschaftlichen Institutionen dokumentiert. 2001 hatte die Stadt Magdeburg die Segel gesetzt für die Umnutzung des historischen Binnenhafens zum Wissenschaftshafen. Die Denkfabrik mit dem Institut für Automation und Kommunikation ifak unter ihrem Dach, das Fraunhofer Institut für Fabrikbetrieb und -automatisierung IFF und der medizintechnische Forschungscampus STIMULATE stellen sich selbst vor mit Kulturbeeten entlang des Hafenbeckens. Diese ein Kilometer lange Fahrrinne war hochmodern, als der Handelshafen 1893 eröffnete. Magdeburg an der Elbe wurde für den Hamburger Hafen ein wichtiger Umschlagplatz vor allem für Getreide und Zucker aus der fruchtbaren Börde und Kali aus dem nördlichen Raum von Magdeburg. Es war die Zeit des Aufbruchs in das industrielle Zeitalter. Heute sind die backsteinernen Lager und Silos Denkmale der damals neuen Industriearchitektur.

Herzstück ist ein medizinisches Hightech-Ökozentrum

Die, die an den Kulturbeeten stehen bleiben, zücken immer wieder ihr Handy, scannen QR-Codes, verlinken sich mit informativen Internetseiten und Videos – wir leben längst im digitalen Zeitalter. Die Hafenarbeiter des 21. Jahrhunderts sind Wissensarbeiter. Der Transport von Gedankengut vollzieht sich nahezu geräuschlos. Und doch soll sich das Hafenareal wieder zu einem pulsierenden, betriebsamen Stadtteil von Magdeburg entwickeln. 2023 brach der Wissenschaftshafen unter der Flagge transPORT zu neuen Ufern auf.

„Transportieren“, „Port“ für Hafen und auch „Transfer“ lassen sich aus der Bezeichnung für das Forschungsprojekt herauslesen. Es wird im Rahmen des Förderprogramms „T!Räume – Transfer-Räume für die Zukunft von Regionen“ vom Bundesministerium für Forschung, Technologie und Raumfahrt gefördert. Die Uni Magdeburg ist Träger dieses Projektes und arbeitet dabei eng mit der Landeshauptstadt Magdeburg zusammen.

Herzstück, also Pulsschlaggeber für das urbane Quartier, soll ein medizinisches Hightech-Ökozentrum sein. Mit Ökozentrum ist gemeint, dass sich Forschungszentren und Hightech-Unternehmen, attraktive Arbeitsplätze, moderne Wohnräume, vielfältige Freizeit- und Kulturangebote gegenseitig befruchten und den Sog ausüben, der den Wissenschaftshafen in ein belebtes Stadtquartier verwandelt – getragen von den „W4-Pfeilern: Wissenschaft, Wirtschaft, Wohnen, Wohlfühlen. Hunderte Besucher aus dem Umland überzeugten sich kürzlich auf dem Tomorrow Labs Festival davon, wie diese Idee Gestalt annimmt.

Ein Reallabor für den Strukturwandel 

Maßgeblicher Initiator und Antriebsmotor, diesen Zukunftsort mit Leben zu füllen, ist der Forschungscampus STIMULATE. Forschende entwickeln hier gemeinsam mit Kliniken und Unternehmen neue bildgestützte medizintechnische Lösungen zur Früherkennung und schonenderen Behandlung von Herz- und Gehirnerkrankungen und von Krebs.

Im „Speicher B“, wo einst Zuckerberge lagerten, hat STIMULATE sein Domizil. Und auch das transPORT-Projekt wird von hier gesteuert. Die „Lotsinnen“ sind Anna Lischke, Andrea Jozwiak und Anne-Maria Wende. Aktuell lenken die Projekt-Managerinnen transPORT in die zweite Runde der Förderung. Bis 2029 stellt der Bund sechs Millionen Euro bereit für das „Reallabor“, in dem gezeigt werden soll, wie sich Strukturwandel erfolgreich vollziehen kann.

Lotsinnen transport (c) Jana Dünnhaupt Uni Magdeburg

Anne-Maria Wende, Andrea Jozwiak, Anna Lischke (von links nach rechts) am Wissenschaftshafen. Foto: Jana Dünnhaupt/ Uni Magdeburg

In den drei zurückliegenden Jahren Projektförderung hat STIMULATE ein Hightech-Netzwerk mit regionalen und überregionalen Partnern aufgebaut, um wissenschaftliche Erkenntnisse schneller in die medizinische Anwendung zu bringen. STIMULATE initiiert Kooperationen zwischen Wissenschaft und Wirtschaft und fördert (Aus-)Gründungen.

Wegen dieser attraktiven Rahmenbedingungen hat sich das Start-up Neoscan Solutions im Magdeburger Wissenschaftshafen gegründet. Es entwickelt und baut kompakte MRT-Systeme u.a. speziell für Kleinkinder.

Das Medizintechnikunternehmen RAYDIAX gründete sich aus dem Forschungscampus heraus und entwickelt Therapieassistenz-Computertomographen. Ebenfalls eine Ausgründung ist das Start-up MESHwerk. Das Softwareunternehmen entwickelt eine KI-basierte Plattform, die digital gespeichertes Expertenwissen erfasst, automatisch strukturiert und in Videoanleitungen umwandelt. Weitere Start-ups aus dem Umfeld des Forschungscampus bereiten sich derzeit auf ihre Grünung vor.

Projekte haben Werkstattcharakter

In der ersten Förderphase sei es insbesondere darum gegangen, so die Projektmanagerinnen, den Wissenschaftshafen weithin „sichtbar“ im Sinne von themenübergreifend „erlebbar“ zu machen. „Es braucht da nicht nur die geistigen Räume via Klick ins Internet, sondern auch die konkreten Räume der Begegnung“, sagt Andrea Jozwiak und dass für die Teilprojekte von transPORT der Begriff „Werkstatt“ gewählt wurde, um deren praktischen, gemeinschaftlichen und offenen Charakter hervorzuheben. Sie nennt als Beispiel „transSCAPE – englisch Cultural Spaces of Knowledge. Das ist eine Werkstatt, in der „kulturelle Wissensräume“ entstehen. In denen solle die Bevölkerung aus der Magdeburger Region Ideen für eine attraktive Wohnlandschaft mitentwickelt und umsetzen – so wie bei den wechselnden Open Air Fotogalerien oder bei dem „Walk & Talk im Hafen“-Angebot. „Auf diesen dialogischen Spaziergängen führen Menschen mit ganz unterschiedlichen Lebenshintergründen und Professionen ihrem eigenen Blick folgend durch den Wissenschaftshafen und eröffnen dadurch unterschiedlichste Sichtweisen“, sagt Anna Lischke und nennt auch die regelmäßigen Town Hall Meetings, ursprünglich ein Begriff für Bürgerversammlungen im Rathaus. Interessierte aus Stadtgesellschaft, Wissenschaft, Wirtschaft und Tourismus kommen an verschiedenen Orten zusammen und tauschen ihre Gedanken darüber aus, wie sich der Wissenschaftshafen zu einem lebendigen Stadtteil wandeln könne. Eine gute Gelegenheit, sich einzubringen – auch für die, die mittlerweile hier wohnen. Zwei historische Silos wurden zu Wohnhäusern saniert und in diesem Jahr bezogen.

Ein digitaler Hafenzwilling entsteht 

„In der jetzt beginnenden zweiten Förderphase liegt der Fokus auf den digitalen Transferprozessen“, sagt Anna Lischke und spricht von virtuellen Formaten, die unter anderem die komplexe Medizintechnik verständlicher machen. In der Werkstatt transDIGITAL ist ein digitaler Hafenzwilling in Entwicklung, in dem etwa die Funktionsweise von neuer Medizintechnik veranschaulicht wird oder Unternehmen ihre Türen für einen Rundgang öffnen. „In dem Hafenzwilling sollen auch Visionen gezeigt werden. So könnten wir Bedarfe ermitteln bezogen auf die Frage, was es braucht für einen erfolgreichen Strukturwandel des Wissenschaftshafens zum urbanen Quartier“, betont Anna Lischke und nennt als Beispiel das Hafenbecken. Noch ist dessen Nutzung unklar. Sie werden in dieser Sache auf die entsprechenden Fachbereiche der Stadt zusteuern, sagen die transPORT-Lotsinnen und bekräftigen: „Wir wollen verstärkt auch die Akteure als Partner einbinden, die schon vor Ort sind – hier in Magdeburg, im Wissenschaftshafen.“ Dazu gehört IMIQ. Das Forschungsteam der Uni beschäftigt sich mit dem „Intelligenten Mobilitätsraum im Quartier“ – speziell im Wissenschaftshafen. Denn nicht zuletzt auch auf die Frage, wie man sich künftig in diesem Stadtquartier fortbewegt, sollen Antworten gefunden werden.

Damit alle Hafenarbeiterinnen und -arbeiter – und die es werden wollen –miteinander ins Gespräch kommen können, stellen die transPORT-Lotsinnen ein Internetportal in Aussicht, auf dem man sich alle finden. 

Autor:in: Kathrain Graubaum