18.08.2020 aus 
Campus + Stadt
Einfallsreich durch die Krise

Als Corona Magdeburg erreichte, war plötzlich alles anders: Gewohnte Abläufe mussten sich neu finden, die Arbeit von zu Hause erledigt, die Lehre online durchgeführt werden und einige Mitarbeitende haben auf dem Campus die Stellung und den Basisbetrieb aufrecht erhalten. Wie war das so für die Angehörigen der Uni Magdeburg? Was hat gut, was weniger gut funktioniert? Was waren besondere Herausforderungen in dieser besonderen Zeit? Wie haben sie sich neu organisiert? Und worauf freuen sie sich, wenn die schlimmste Phase überstanden ist? Wir haben sie gefragt.

 

Musikalisch durch die Krise

Dr. Kristin Hecht, wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Fakultät für Verfahrens- und Systemtechnik

Wir arbeiten am Institut für Apparate- und Umwelttechnik mit Substanzen, die unter gewissen Umständen gefährlich werden können. Daher gibt es ein Sicherheitskonzept für jede Labortätigkeit. Einige Prozesse laufen automatisch ohne Aufsicht, z.B., wenn sie schon für den Nachtbetrieb geplant sind. Viele Vorgänge müssen aber direkt von einer Person im Labor beobachtet werden. Als die Mitarbeiter rasch nach Hause geschickt worden, mussten wir unsere Planung für die Labore schnell überarbeiten. Wir mussten genau definieren, welche Prozesse auch bei längerer Abwesenheit ohne Gefahr weiterlaufen können.

Dr. Kristin Hecht im Labor (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgDr. Kristin Hecht im Labor (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Ein bisschen Sorgen hat uns bereitet, dass wir mit unserem Projekt für den DFG Sonderforschungsbereich Transregio 63 mitten in einer kritischen Messphase steckten und im Juni pünktlich zum Statusseminar unsere Ergebnisse vorzeigen mussten. Glücklicherweise ist die Anlage schon voll automatisiert, da jede einzelne Messung einige Tagen dauert und daher über Nacht und ohne Aufsicht laufen kann. Daher war es intern relativ leicht zu begründen, dass diese Messungen mit minimaler Anwesenheit am Laufen gehalten werden können. Wären wir allerdings in den Notbetrieb gegangen und die Stromversorgung an der Universität wäre eingestellt worden, hätten wir unsere Arbeiten völlig einstellen müssen. Darum war ich sehr froh, dass es dazu nicht gekommen ist.

Trotz Abwesenheit hat die Kommunikation innerhalb der Uni und auch im Team super funktioniert. Ich fand die Youtube Q&As mit Prof. Strackeljan und Prof. Scheffler sehr schön. Sie gingen auf die Fragen der Studierenden persönlich ein und haben alles direkt und ohne Umschweife kommuniziert. Die Studierenden fragten besorgt nach Prüfungsleistungen und Veranstaltungen, die ausfallen mussten. Teilweise war es schwierig die Kommunikation über verschieden Kanäle kohärent wahrzunehmen. Mit den sich ständig ändernden Regeln war es aber auch schwierig zu planen.

Für Interessierte hat Tanja Laske eine Co-working Gruppe eingerichtet. Sie organisiert die DocAG Coaching - eine Plattform für die Entwicklung von Strategien zur Konfliktbewältigung im beruflichen Alltag und zum Austausch über Karrierewege von Nachwuchs-Wissenschaftlerinnen. Wenn es zeitlich gepasst hat, haben wir uns morgens im BigBlueButton eingeloggt und auf das Whiteboard unsere To-do-Listen für den jeweiligen Tag geschrieben. Dann haben wir Zeitintervalle festgelegt, um diese Aufgaben abzuarbeiten. Nach jeder Zeiteinheit haben wir unseren Fortschritt besprochen – das hat unsere Motivation und unseren Ehrgeiz enorm gesteigert. Zur Motivation gab es immer ein Lied des Tages und wir haben ein gemeinsames Bild gezeichnet, das mit jeder erledigten Aufgabe gewachsen ist - dazu gibt es auch ein Video, das zeigt, wie unseren Figur sich während des Tages entwickelt:


Generell fand ich die Online-Zusammenarbeit sehr angenehm. Persönlich finde ich Meetings eher anstrengend, Zoom-Meetings sind kürzer als persönliche Treffen. Diese neue Effizienz schätze ich sehr.

Privat hatte ich sehr gemischte Gefühle. Auf der einen Seite war ich beeindruckt vom Zusammenhalt in der Gesellschaft und an unserer Universität. Und es hat mir sehr gefallen, dass mein Mann und ich keine reine Wochenendbeziehung mehr geführt haben: Er konnte mobil Arbeiten und hat mir jeden Morgen Frühstück gekocht. Das könnte gerne so bleiben. Auf der anderen Seite habe ich mir aber große Sorgen um kranke Familienmitglieder gemacht, die besonders gefährdet sind. Meine Familie wohnt in den USA und die Entwicklung dort hat mir große Sorgen bereitet.

 

Pool-Office in San Diego

Felix Dieckmann, Gründungsmanager im TUGZ

Mein Homeoffice-Tag begann aufgrund des Zeitunterschieds oft um 4 Uhr morgens (Ortszeit San Diego). Eigentlich konnte ich meine Arbeitssituation auch zeitweise als Pool-Office bezeichnen, da bei schönem Wetter einfach der „Working Desk“ nach draußen verlegt wurde. Um meine winterliche Kellerbräune aus dem TUGZ abzulegen, eignete sich mein vorrübergehender Arbeitsort in Kalifornien besonders gut.

Felix Dieckmann in San Diego (c) privatFelix Dieckmann in San Diego (Foto: privat)

So entspannt wie meine Arbeitsumgebung in der Coronazeit, war allerdings nicht alles. Kurz nach meiner Ankunft in San Diego verschlechterte sich die Situation in den USA rapide. Für meinen zweiwöchigen Urlaub vor Ort hatte ich mir eigentlich einiges vorgenommen: Städtetrips nach Los Angeles und Las Vegas, Sport- und Kulturevents - doch manchmal kommt alles anders und so wurden die Wochen zu einem „familiären Hausurlaub“. Dafür hat sich meine Rückreise nach Deutschland als richtiges Abenteuer entpuppt. Meine Inlandsflüge von San Diego nach Chicago oder New York wurden ständig gestrichen, dadurch verzögerte sich meine Rückreise ständig. Als dann endlich ein Inlandsflug bestätigt wurde, wurde mein Flug von Chicago nach Deutschland wiederum gestrichen. Nach ca. 48 Stunden Reisezeit inkl. Übernachtung am Chicago Airport bin ich endlich heile in Deutschland angekommen.

Grundsätzlich kann ich aus der Coronakrise einige positive Aspekte mitnehmen, die sich in der Zeit etabliert haben: Die Anteilnahme meiner Familie, Freunde und Kollegen hat mich sehr gefreut und fasziniert. Ich hoffe, dass diese Hilfsbereitschaft der Menschen nach der Coronakrise bleibt. Außerdem konnte ich bei meiner Gastfamilie in San Diego beobachten, wie sich Unternehmen an die Krise anpassen und versuchen das Beste aus der Situation zu machen. Das hat mich als Start-up-Coach am TUGZ besonders beeindruckt und wird mich nachhaltig prägen.

Jetzt freue ich mich erstmal auf den Sommer und darauf, endlich wieder meine Heimat zu erkunden und wieder Teil des gesellschaftlichen Lebens zu sein. Und etwas Sport außerhalb der 4-Wände täte ebenfalls gut, #coronafigur.

 

Mit viel Mut und Zuspruch durch die Krise

Christian Kühn, Besitzer der Kaffeebar in der Fakultät für Informatik

Meine Familie und ich waren gerade die erste Woche im Urlaub in Spanien als die Kontaktsperren ausgerufen wurden. Es war ein wirklich seltsames Bild: Die Strände und Restaurants waren von heute auf morgen leer, vor den Supermärkten standen Polizisten mit Schlagstöcken und der Urlaubsort glich einer Geisterstadt. Den Shutdown in Deutschland und somit auch die Schließung meiner Kaffeebar habe ich nur aus weiter Entfernung miterlebt.

Als ich wieder in Deutschland war, hätte ich die Kaffeebar gerne aufgemacht – die Vorschriften für das to-go-Geschäft hätten wir erfüllen können. Aber die Uni war im Basisbetrieb, viele Mitarbeitende im Homeoffice, die Studierenden nicht da und die Gebäude geschlossen. Ohne Gäste funktioniert es leider nicht. Darum hatte ich die zwei Monate bis zur Wiedereröffnung keine Einnahmen – dafür aber unheimlich viel Zuspruch. Der Kanzler hat sein Bedauern ausgedrückt und ich habe viele Nachrichten von Kundinnen und Kunden über Social Media bekommen, die mir Mut gemacht und ihre Unterstützung angeboten haben. Das hat mich motiviert, durchzuhalten.

Kaffeebarbesitzer Christian Kühn (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgKaffeebarbesitzer Christian Kühn (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Meine größte Sorge ist aber dennoch, dass es eine zweite Welle geben und alles von vorne anfangen wird. Dabei wollte ich zum Sommer neues Personal anstellen, um nach der Geburt meines zweiten Kindes mehr Zeit für meine Familie zu haben. Denn wenn ich eins aus dieser Zeit einmal mehr mitgenommen habe, dann, dass die Gesundheit der Familie das Wertvollste ist.

Ich liebe meinen Job und ich freue mich auch schon wieder auf einen normalen Alltag mit gewohnten Routinen, weil ich durchaus sehr stolz darauf bin, was ich mir mit der Kaffeebar geschaffen habe. Darum freue ich mich auch, dass wieder Leben einkehrt und ich meine Gäste im Sommer mit Frozen Cappuccino, Frappés und Iced Latte verwöhnen kann – die man übrigens nun ohne Mindestumsatz mit Karte zahlen kann. Die Erinnerungen an die Pandemie möchte ich mir dennoch bewahren, weil ich das Leben viel bewusster genieße und nicht mehr so viel über Kleinigkeiten meckere – das sind Nerven, die man nie wiederbekommt, wie meine Frau immer sagt.

 

Zusammenhalt und Durcheinander treffen zusammen

Nance Kaemmerer, Abteilungsleiterin Relationship Management 

Die größte Herausforderung in der Corona-Krise war es, alles unter einen Hut zu bekommen, und auf die neuen Anforderungen zu reagieren. Beruflich und privat. Plötzlich fand ich mich in mehreren Rollen wieder und das gleichzeitig: Lehrerin der ersten Klasse, Schulfreundin und Familienmanagerin. Dazu die Verlegung ins Homeoffice. Das ging schnell und unkompliziert, da wir digital sehr gut aufgestellt sind und ich das Arbeiten von zuhause aus schon aus anderen beruflichen Erfahrungen kannte. Allerdings ist es eine Kunst, den privaten und beruflichen Ansprüchen unter den erschwerten Bedingungen gerecht zu werden.

Nance Kaemmerer im Homeoffice beim Homeschooling (c) PrivatNance Kaemmerer im Homeoffice beim Homeschooling (Foto: privat)

Der berufliche Austausch auf digitalem Wege durch Zoom und Co. hat ohne große Probleme gut funktioniert. Wir konnten Formate online anbieten, wie die Bewerbungswerkstatt und wir haben das Format der Kinder-Uni ins Leben gerufen. Der Zuspruch dafür war überwältigend und hat uns sehr gefreut! Für meine Kollegen und mich war es besonders wichtig, ein offenes Ohr füreinander und Verständnis für die jeweilige Situation zu haben. Die Krisenzeit hat uns dahingehend noch näher zusammengebracht – obwohl die räumliche Distanz da war.

Was mir wirklich gefehlt hat, war der persönliche Austausch mit den Studierenden. Wir haben geholfen, wo wir konnten und haben versucht, viele Unsicherheiten und Ängste zu nehmen. Ganz besonders freue ich mich darauf, wenn alles wieder persönlicher wird. Und, dass die abgesagten Veranstaltungen nachgeholt werden, wie das Usability-Testessen oder das Alumni Wochenende.

 

Arbeit und Freizeit waren eins

Prof. Marko Sarstedt, Leiter des Lehrstuhls BWL, insb. Marketing 

Prof. Marko Sarstedt (c) Harald Krieg_Uni MagdeburgProf. Marko Sarstedt (Foto: Harald Krieg / Uni Magdeburg)

Die Corona-Krise hat auch etwas Gutes: Die Lehre an der Uni ist jetzt deutlich digitaler. Wir haben vorher zwar schon daran gearbeitet, aber nicht mit der Konsequenz. Nun war der Impuls da, es umsetzen zu müssen. Das hat natürlich enorm viel Zeit in Anspruch genommen – obwohl wir schon Anfang März damit begonnen hatten, noch bevor die Uni überhaupt in den Basisbetrieb gegangen ist. Was aber sicherlich auch daran lag, dass die Arbeit unter den Rahmenbedingungen enorm schwierig war: Neue Formate entwickeln und umsetzen, viel administrative Arbeit und die Betreuung von drei Kindern. Es gab eigentlich keinen Abend, an dem ich vor 22.00 Uhr den Laptop zugeklappt habe.

Dabei war es unheimlich schwer, die Balance zwischen Arbeit und Privatleben zu finden. Vorher konnte ich beides gut voneinander trennen; während der Corona-Pandemie ist alles ineinandergeflossen. Wobei ich es auch genossen habe, mehr zu Hause zu sein und weniger unterwegs; also auch das hatte eine Menge schöne Facetten. Um die Videos für meine Onlinelehre aber erstellen zu können, musste ich mir ein provisorisches Büro in einem leerstehenden Bürogebäude einrichten, da zu Hause nicht an ruhiges Arbeiten zu denken war.

Das improvisierte Büro von Prof. Marko Sarstedt (c) privatDas improvisierte Büro von Prof. Marko Sarstedt (Foto: privat)

Der Kommunikation im Team hat die Zeit kaum Abbruch getan, die hat reibungslos funktioniert. Dadurch, dass ich sonst auch viel unterwegs bin, waren wir da schon gut aufgestellt. Wir haben neu mit Zoom gearbeitet und andere Tools und Plattformen zum Aufnehmen und Bearbeiten der Lectures ausprobiert und für die jeweiligen Bedürfnisse das Passende gefunden. Die Kommunikation innerhalb der Uni hätte ich mir ein bisschen proaktiver gewünscht. Ich habe zum Beispiel über den Instagram-Account erfahren, dass das Sommersemester digital sein wird. Was kein Vorwurf sein soll, denn in so einer Phase ist es extrem schwierig, immer alles zur richtigen Zeit proaktiv zu kommunizieren und allen Anforderungen gerecht zu werden. Und als Uni müssen wir uns nicht verstecken; wir haben die Herausforderungen bislang wirklich gut gemeistert.

Für die Zukunft wünsche ich mir, dass wir realistisch mit den nächsten Monaten umgehen, dass wir jetzt schon Pläne bereithalten für das Wintersemester und Prüfungen pragmatischer umsetzen. Wir müssen stärker digital denken. Jetzt haben wir es zwar geschafft, die Digitalisierung einigermaßen in die Lehre einzubringen, aber der nächste Schritt ist natürlich, das auch in der Prüfungsform zu leben. Eine andere Art von Lernen erfordert eben auch eine andere Art der Prüfung. In den USA ist es zum Beispiel völlig normal, dass es Take-Home-Exams gibt. Auch Open Book Klausuren tragen der aktuellen Zeit Rechnung. Für die Studierenden ist es immerhin auch eine extrem belastende Zeit. Darum sollten wir schauen, was wir tun können, um sie zu unterstützen. Zu den Anstrengungen der Lehre kommen bei vielen Studierenden finanzielle Sorgen, Sorgen um die Familie und mangelnde soziale Kontakte hinzu. Da sollten wir ihnen in der Prüfungsphase, in der das Stresslevel noch mal mehr nach oben geht, entgegenkommen.