DE
18.12.2020 aus 
Campus + Stadt
Leerraum sinnvoll füllen

Mit der studentischen Initiative in:takt soll Leben in leerstehende Räume in Magdeburgs Innenstadt einziehen. Nachdem das Team vom Breiten Weg 68 in die Goldschmiedebrücke 17 zog, stand nun auch diese Location auf der Kippe. Der Grund: Das neue Wirtschaftsdezernat der Stadt Magdeburg sah keine weitere Förderung für das Projekt vor. Mit einem Stadtratsbeschluss konnte die Finanzierung nun für ein weiteres Jahr gesichert werden. Aufatmen im Team. Wie sie diese Chance nun nutzen wollen und auf welche Aktionen sich die Bürgerinnen und Bürger freuen dürfen, darüber haben wir mit den Studentinnen Undine Zeisberg und Theresa Münzenberger gesprochen, die sich aktiv im und für das in:takt einsetzen.

Die Studentinnen Undine und Theresa im intakt (Foto: privat)

Die Zukunft des in:takts scheint ungewiss und das, kurz nachdem ihr einen größerer Raum beziehen konntet: Warum ist der Freiraum jetzt bedroht?

Theresa: Das in:takt hat als Zwischennutzungsprojekt gestartet, bei dem die Uni Magdeburg, die Stadt Magdeburg und die Wobau Kooperationspartner waren. Nach zwei Jahren wurde mit einem Personalwechsel in den städtischen Strukturen der Sinn einer Aufrechterhaltung des in:takts infrage gestellt. Die Kooperation und Förderung seitens der Stadt sollte eingestellt werden, was für uns bedeutet, dass wir so, wie wir es in den vergangenen zwei Jahren sehr erfolgreich taten, nicht weiter existieren können. Ohne Förderung haben wir bisher keine andere Möglichkeit unsere Nebenkosten des Ladens zu bezahlen und ohne Mietvertrag zwischen Stadt und Wobau gibt es keinen Raum, in dem das in:takt aufblühen kann.

Undine: In der Präambel des Kooperationsvertrags steht, dass eine „längerfristige Kooperation bzw. die Verstetigung der Initiative zum urbanen Experimentierfeld sowie die Festigung und Entwicklung der cross-sektoralen Kooperation zwischen der Universität und Stadt Magdeburg“ angestrebt wird. Noch im Sommer bekamen wir eine positive Rückmeldung seitens der Wirtschaftsförderung. Das hat sich geändert. Im Wirtschaftsdezernat ist man nicht mehr überzeugt davon, dass das in:takt seinerseits die Ziele des Kooperationsvertrages, nämlich konkrete Handlungsempfehlungen für die Stadt zu formulieren, wie man Leerstand bekämpfen und die Innenstadt nachhaltig beleben kann, erfüllt hat. Leider gab es dazu kein Gespräch und wir wurden über diese veränderte Position auch nicht informiert. In dem vorläufigen Maßnahmenplan des Haushaltsjahres 2021 tauchte die Förderung des Projektes nicht mehr auf, was wir durch die Zeitung erfuhren, nachdem unsere Räume schon gekündigt waren. Diese Information erhielten wir durch die WOBAU. Das stellte eine konkrete Existenzbedrohung des Projektes dar, weil auch keine alternativen Förderungsmöglichkeiten aufgezeigt wurden. Die Förderung konnte jetzt durch einen Stadtratsbeschluss für ein weiteres Jahr gesichert werden, jetzt hoffen wir darauf, dass auch der Mietvertrag mit der WOBAU für die Goldschmiedebrücke 17 wieder aufgenommen werden kann.

Wie habt ihr euch dafür eingesetzt, dass das in:takt bestehen bleibt?

Theresa: Wichtig war hier: laut werden. Wir haben einen Brief und eine ausführliche Argumentation, warum der Erhalt des in:taks so wichtig ist, an alle Stadträt:innen, den Oberbürgermeister und die Beigeordneten geschrieben. Als offenen Brief konnten wir sehr viele Bürger:innen dazu motivieren, uns durch ihre Unterschrift zu unterstützten. In den Ausschüssen und bei der Stadtratssitzung waren wir anwesend und haben so durch Präsenz gezeigt, dass uns das Thema wirklich sehr wichtig ist und wir uns nicht einfach alles gefallen lassen, war über uns hinweg bestimmt wird. Außerdem gehört sehr viel Kommunikation dazu. Ich habe all unseren Freund:innen und Kolleg:innen davon erzählt und konnten so noch mehr Menschen von der Wichtigkeit des in:takts überzeugen.

Undine: Mit dem offenen Brief konnten wir innerhalb von 10 Tagen über 450 Unterstützer:innen gewinnen, die sich mit ihrer Unterschrift für den Erhalt des in:takts aussprachen. Wir traten auch telefonisch mit den Fraktionen in Kontakt, besuchten persönlich die Bürgerfragestunden in dem Finanz-, Wirtschafts- und Bauausschuss und versammelten uns am Tag der Stadtratssitzung vor dem Rathaus, um Präsenz zu zeigen und deutlich zu machen, dass uns dieses Projekt am Herzen liegt. Wir vernetzten uns auch mit den Studierenden vom schauwerk und den Studierendenräten von Uni und Hochschule. In der Volksstimme erschien am 16.11.2020 ein Bericht, der das in:takt und das schauwerk als „Prinzenprojekte“ bezeichnete, deren Nutzen für die Belebung der Innenstadt nicht mehr als ein „müdes Blinzeln“ wäre. Wir luden einen Journalisten der Volksstimme ein, um mit ihm über die Projekte zu informieren und zu berichten und es wurde sozusagen eine Gegendarstellung gedruckt.

Wie ist die allgemeine Stimmung im Team und bei den Organisatoren, wenn ihr an die Zukunft denkt?

Undine: Im Team herrschte zuerst eine große Verständnislosigkeit über das, was vor sich ging. Nach dem ersten Schock fingen wir aber sofort an, aktiv zu werden und Schlag auf Schlag gab es neue Erkenntnisse und neue Ergebnisse. Wir erhielten enormen Zuspruch von zahlreichen Menschen, die das in:takt kennengelernt haben, von den StuRas der Uni und Hochschule und auch von einzelnen Fraktionen, vor allem den Grünen, der Linken und der SPD. Als uns die Nachricht erreichte, dass ein Änderungsantrag formuliert wurde und sich eine Mehrheit abzeichnete, gingen wir hoffnungsvoll zur entscheidenden Stadtratssitzung.

Theresa: Am Anfang waren wir schockiert, dann motiviert, für das in:takt zu kämpfen. All der Zuspruch und schließlich der Stadtratsbeschluss haben uns viel Kraft gegeben. Bis zur Stadtratssitzung am 3.12.2020 hatten wir viel Stress, aber zu keinem Zeitpunkt den Gedanken, einfach aufzugeben. Jetzt zu sehen, dass sich all die Energie und der Aufwand gelohnt haben, macht uns natürlich sehr glücklich. Ein weiteres Jahr in:takt ist gesichert, aber wir haben auch gemerkt, dass wir uns über neue Arten der Kooperation Gedanken machen müssen. Das wird definitiv anstrengend, aber ich glaube, wir sind alle sehr hoffnungsvoll und sehen das in:takt auch in Zukunft noch einen Teil zu einer belebteren Innenstadt in Magdeburg beitragen.

Studentinnen Undine und Theresa vor dem intakt (c) privatDie Studentinnen Undine und Theresa vor dem intakt (Foto: privat)

Welche Bedeutung hat das in:takt für die Stadt Magdeburg? 

Theresa: Es gibt so vieles. Natürlich ist das in:takt ein Raum, an dem Kultur gelebt wird. Aber neben Konzerten, Lesungen oder Ausstellungen ist das in:takt auch ein Ort der Begegnung. Hier knüpft man Kontakte und ein großes Netzwerk entsteht. Aus solchen Beziehungen entstehen wieder neue Projekte, die das Leben in Magdeburg schöner machen. Was aber das tolle am in:takt ist: es ist ein urbaner Experimentierraum. Wir können hier Ideen ganz einfach und ohne großen Aufwand ausprobieren – und das auch noch mitten in der Stadt! Also was kann eine Stadt Besseres haben wollen, als eine Ideenschmiede und ein Experimentierlabor von einer Gruppe freiwilliger und unbezahlter Studierender? Wenn eine Stadt einzigartig und interessant sein will, dann muss man auch mal Unbekanntes wagen und ausprobieren. Genau das passiert im in:takt. Und wenn etwas gut funktioniert, kann es wachsen und vielleicht in größerem Rahmen umgesetzt werden.

Undine: Im in:takt kommen oft Menschen zusammen, die sich sonst nicht begegnen würden, übrigens nicht nur Studierende. Wenn man, wie ich, nicht aus der Stadt kommt, aber interessiert an Stadtentwicklung und Projektarbeit ist, bietet das in:takt einen Raum, sich auszuprobieren, kleine Erfolge zu feiern oder aus nicht so erfolgreichen Projekten zu lernen. Dadurch, dass uns das Begleitseminar an der Uni eine Beteiligung an konkreten Projekten abverlangt, lerne ich viel dazu und neue Dinge kennen. Durch das vielfältige Team, das die unterschiedlichsten Projektideen ausprobiert und gegebenenfalls etabliert, bieten wir den Bürger:innen Magdeburgs ein buntgemischtes, aber immer kostenfreies Angebot, ihren Aufenthalt in der Innenstadt abwechslungsreich zu gestalten. Aber nicht nur wir selbst wollen die Stadt beleben, sondern wir möchten auch als Mitmachzentrale dienen und Menschen dazu motivieren, sich selbst auszuprobieren. Deswegen ist es uns wichtig, dass sich engagierte und interessierte Leute treffen und vernetzen können.

Im Jahr 2020 mussten wir nicht nur einen Umzug bewerkstelligen, sondern auch mit der speziellen Situation durch Corona umgehen und unsere Teilprojekte dementsprechend anpassen. Unter diesen Bedingungen konnten aber trotzdem diverse Veranstaltungen organisiert werden, die sehr gut besucht wurden, z.B. Silent Disco in der Goldschmiedebrücke oder ein Tauschmarkt mit Vortrag zu nachhaltiger Mode. Wir boten auch externen Partner:innen eine Bühne, was uns, wie gesagt sehr wichtig ist: So ermöglichte das in:takt zum Beispiel die erste eigene Fotoausstellung zweier junger Magdeburger Fotograf:innen. Das wollen wir auf jeden Fall auch weiterhin tun: Ideen umsetzen und damit ein Mitmach-Angebot für die Magdeburger:innen schaffen.

Was ist eure persönliche, schönste Erinnerung an das in:takt?

Theresa: Eine sehr schöne Erinnerung habe ich an die ersten in:Farbe Session. Marta und ich hatten die Idee, mit anderen Leuten an einem Tisch zu sitzen und zu malen. Wir dachten uns, dass schon die eine oder andere Person aufkreuzen wird. Und siehe da: Wir waren ausgebucht. Kaum eine:r hatte vorher viel gemalt oder gezeichnet, aber alle hatten unglaublich viel Spaß und es sind tolle Bilder entstanden. Das hat mit gezeigt, wie einfach es sein kann, eine Idee umzusetzen und Menschen für etwas zu begeistern.

Undine: Es fällt mir sehr schwer, mich auf eine Erinnerung zu begrenzen. Meine schönsten Erinnerungen sind einerseits jene Erinnerung an glückliche Menschen, die wir zum Beispiel bei unserer Eröffnungsfeier im Juni oder bei der Vernissage der Fotoausstellung im September begrüßen durften und die sich bei uns bedankten, dass wir da sind. Andererseits war es die Teilnahme an einem Theaterseminar, für das das in:takt seine Räumlichkeiten zur Verfügung stellte, was übrigens ein anderes, externes Seminar war.

Wie hat sich das Projekt in die verschiedenen Studiengänge integriert?

Theresa: Wir haben Leute aus ganz unterschiedlichen Studiengängen dabei, z.B. Informatik, Psychologie, Bildungswissenschaft, Cultural Engineering oder auch Wirtschaft. Es ist nicht nur super schön, Menschen aus anderen Studiengängen kennenzulernen und so den eigenen Freundeskreis zu erweitern, sondern auch sehr wichtig für das in:takt. Jede:r kann seine eigenen Fähigkeiten dort einsetzen, wie es am besten passt. Gleichzeitig werden so natürlich auch interdisziplinäre Projekte vorangetrieben und Stadtentwicklung von Menschen verschiedener Fachrichtungen gemacht. Das ist in einer demokratischen und so bunten Kultur natürlich sehr wichtig.

Undine: Ursprünglich entstand das Projekt aus dem Studiengang Cultural Engineering. Dieser Studiengang an sich ist bereits interdisziplinär aufgestellt. In den beiden Semestern, in denen ich jetzt zum Team gehöre, arbeiten auch Psychologie-, Informatik-, Medizin-, Philosophie-Neurowissenschaften-Kognition-, Bildungs-, Sozialwissenschaften- und European Studies-Studierende bei uns mit. Für den Aufbau der Website war der Informatiker zum Beispiel sehr hilfreich.

 

Gibt es irgendwelche Alternativen für die Zukunft?

Theresa: Für uns stehen gerade ganz viele offene Fragen im Raum: Wie wird die Förderung mit der Stadt in Zukunft weitergehen? Welche Rolle wird die Universität in einer fortlaufenden Kooperation einnehmen? Wie können wir das in:takt längerfristig existieren lassen, ohne bisherige Freiheiten einschränken zu müssen? Es gibt viele Fragen und viele Antwortmöglichkeiten. Die richtige zu finden ist unsere Herausforderung im nächsten Jahr. Aber neben all der Ungewissheit ist sicher, dass das in:takt nicht aufgegeben werden darf.

Welche Pläne gibt es, sollte das in:takt bestehen bleiben?

Theresa: Wir haben so viele Ideen, die nicht nur durch die ungewisse Zukunft des in:takts, sondern auch sehr durch die aktuelle Corona-Situation bisher im Dunkeln schlummern und nur darauf warten, endlich umgesetzt zu werden. Da gibt es z.B. die Idee eines Kulturstammtisches, internationale Länderabende, neue Konzertreihen und in:dialoge sowie die Fortführung von in:Farbe.

Undine: Konkrete Pläne gibt es noch nicht, aber viele Überlegungen. Auf jeden Fall freuen wir uns darauf, wenn wir nach den Corona-Zeiten wieder uneingeschränkter unseren Projektideen freien Lauf lassen zu können. Konkret fiel uns zum Beispiel ein, gemeinsame Sing-Abende zu veranstalten, wo Menschen zusammenkommen und wir gemeinsam singen. Im nächsten Semester kommen auch wieder neue Studierende in unser Team, die frischen Wind und neue Ideen einbringen.

Möchtet ihr selbst noch etwas sagen?

Theresa: Ich möchte danke sagen. Danke an alle, die uns in der Vergangenheit und bei der Fortführung des Projekts unterstützt haben. Danke, dass wir weitermachen dürfen! So hab ich Bock auf die Zukunft!

Undine: Die in:takt-Rettung war ein ganz schöner Akt. Aber zu erfahren, wie viele Menschen sich für uns eingesetzt und uns unterstützt haben, hat mich sehr davon überzeugt, dass wir im in:takt vieles richtig machen und viele Magdeburger:innen an unser Projekt glauben. Vielen Dank an euch alle, die ihr uns mit eurem Einsatz und dem positiven Feedback dazu motiviert, weiterzumachen. Uns sind die Ideen noch nicht ausgegangen und wir freuen uns, dass wir auch im nächsten Semester Magdeburg auf unsere Art und Weise mitgestalten können.

 

Danke für das Interview!