07.04.2021 aus 
Forschung + Transfer
Weiter wie bisher ist nicht die Lösung

Das Jahr 2021 ist nicht nur ein weiteres Jahr im Ausnahmezustand der Pandemie, sondern auch ein Superwahljahr. Neben dem Bundestag am 26. September wird am 6. Juni in Sachsen-Anhalt auch der Landtag neu gewählt. Wie es um die Wirtschaftsregion Sachsen-Anhalt steht, welche Wahlprogramme die Parteien zum Thema wirtschaftliche Entwicklung haben und wie sich das Land je nach Zusammensetzung des nächsten Landtages verändern wird, ob das Gefälle zwischen Ost und West noch immer groß ist und wie die Pandemie die regionale Wirtschaft beeinflusst, darüber spricht der Ökonom Prof. Joachim Weimann von der Fakultät für Wirtschaftswissenschaften im Interview.

Prof. Weimann (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgProf. Joachim Weimann (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Es heißt, dass die Unterschiede zwischen Ost und West teilweise noch immer erheblich sind - egal ob es um Wirtschaftsleistung, Löhne oder Bildung geht. Stimmt das denn überhaupt?

Bei den Löhnen hat der Osten inzwischen 82 Prozent des Westniveaus erreicht, die Haushaltseinkommen liegen bei 85 Prozent und wenn man die Preisunterschiede zwischen Ost und West berücksichtigt, sind wir bei 90 Prozent. Bei den Renten wird die vollständige Angleichung 2024 erreicht sein. Im Moment liegt die Standardrente in Ostdeutschland bei 1.495,35 Euro pro Monat und in Westdeutschland bei 1.538,55 Euro. Allerdings sind die durchschnittlichen Nettorenten stärker auseinander (West 2.989 Euro pro Ehepaar, Ost 2.577 Euro), weil die Westdeutschen weniger Arbeitslosigkeit und höhere Einkommen in ihrer Erwerbsbiographie haben. Insgesamt ist der ökonomische Abstand zwar noch vorhanden, aber er ist nicht sehr gravierend. Der viel bedeutsamere Unterschied zwischen Ost und West liegt in der Demographie. Insbesondere der ostdeutsche ländliche Raum hat massive Einwohnerverluste zu erleiden und das schafft erhebliche Probleme. Die Einwohnerzahl pro Quadratkilometer ist im Osten nur noch bei 43 Prozent des Westniveaus.

Die Wirtschaft im Osten Deutschlands sei weniger produktiv als im Westen – woran liegt das?

Das hat viele Ursachen. Vor allem ist die Struktur der Unternehmen dabei wichtig. Im Osten sind zu wenig große Unternehmen, zu wenig Forschungseinrichtungen und zu wenig Unternehmensleitungen. Außerdem produzieren in Ostdeutschland zu wenig Unternehmen, die stark differenzierte Produkte anbieten, mit denen man höhere Margen erzielen kann. Ein Teil der Unterschiede ist allerdings mit den gängigen ökonomischen Phänomenen nicht erklärbar.

Wie genau steht die Wirtschaft von Sachsen-Anhalt da? Vielleicht auch im Vergleich mit den anderen ostdeutschen Bundesländern?

Zwischen den neuen Bundesländern gibt es zwar durchaus Unterschiede, aber die sind nicht wirklich gravierend. Mecklenburg-Vorpommern ist eher strukturschwach und Sachsen profitiert von seinen beiden starken Metropolen Leipzig und Dresden. Unser Land konnte sich noch nicht entscheidend von Mecklenburg-Vorpommern absetzen.

Haben die sachsen-anhaltischen Parteien die richtigen Lösungsansätze in ihren Wahl-Programmen stehen?

Ich glaube nicht. Man versucht Wirtschaftsförderung mit den alten Instrumenten zu betreiben, die sich längst als wirkungslos erwiesen haben. Vor allem die Situation in den ländlichen Gebieten verlangt neue Ansätze – die sehe ich nicht.

Können die Wählerinnen und Wähler mit ihrer Stimme Einfluss auf die wirtschaftliche Entwicklung nehmen?

Leider tendieren ostdeutsche Wähler stark zu den Rändern des politischen Spektrums und wenden sich von den traditionellen Parteien (CDU, SPD, Grüne, FDP) ab. Zuletzt haben nur noch weniger als 50 Prozent der Wähler diese Parteien gewählt. Wünschenswert wäre es, wenn sich als Alternativen regional verankerte Bürgerparteien bilden würden, die sich den lokalen Problemen widmen und wissen, wo vor Ort „der Schuh drückt“.

Gibt es Ihrer Meinung nach einen Zusammenhang zwischen schwächelnder Wirtschaft und Wahlverhalten?

Natürlich gibt es den. Aber in Ostdeutschland ist es nicht die schwächelnde Wirtschaft, die das Problem ist, sondern eine schwächelnde demographische Entwicklung. Das ist in der Politik noch nicht so recht angekommen.

Nicht die wirtschaftliche Entwicklung oder Struktur sei in Sachsen-Anhalt das Problem, sondern die alte Gesellschaft, so Prof. Weimann. 

Wie wirkt sich die aktuelle Pandemie auf die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt aus? 

Natürlich wirkt sie sich aus und natürlich bedeutet sie Einbrüche – wie überall sonst auch. Ich sehe keine besondere Betroffenheit unseres Landes. Andere, stärker vom Tourismus abhängigen Länder wie Mecklenburg-Vorpommern oder Schleswig-Holstein, scheinen mir da stärker betroffen zu sein.

Was wären ihrer Meinung nach geeignete Mittel und Wege die Wirtschaft in Sachsen-Anhalt zu fördern?

In der gegenwärtigen Situation gilt für Sachsen-Anhalt das Gleiche, wie für alle anderen Länder. Es muss darum gehen, zu verhindern, dass durch den Corona-Einbruch Existenzen zerstört werden. Da sind wir als Gesellschaft in der Pflicht.

Ganz allgemein muss die Politik stärker die tatsächlichen Probleme des Landes in den Blick nehmen und nach unkonventionellen Instrumenten und Wegen suchen, um das Gründungsgeschehen massiv zu beleben und den gesellschaftlichen Zusammenhalt zurückzugewinnen. Dazu braucht man vor allem Investitionen in Forschung und Bildung und man braucht eine öffentliche Verwaltung, die flexibel neue Wege geht, experimentiert, Risiken eingeht und bereit ist neue Ideen aufzugreifen. Davon ist leider wenig zu spüren.

Eine Idee war es, die Wirtschaftsförderung auf Zentren zu konzentrieren. Was halten Sie davon?

Wachstum findet nun einmal in den Zentren statt. Dafür gibt es gute ökonomische Gründe. Deshalb ist es sehr richtig die Zentren zu stärken und dort in Forschung und Entwicklung und in eine kreative Gründungskultur zu investieren. Dort muss das Wachstum entstehen, von dem dann auch die peripheren Regionen profitieren können.

Warum ist die Frage danach, wie wir mit ländlichen Gebieten umgehen von so großer Bedeutung?

Weil sich die Menschen, die in diesen Gebieten leben, im Moment in einer sehr bedrückenden Lage befinden, in der sie nur wenig Aussichten auf Besserung haben. Wenn das eigene Dorf immer mehr vergreist und keine Kinder mehr auf den Straßen spielen, dann wird es schwer, an eine gute Zukunft zu glauben. Wenn wir diese Menschen nicht verlieren wollen, müssen wir daran etwas ändern. Das schafft man aber nicht dadurch, dass man einfach nur mehr Geld in diese Regionen pumpt.

Für wirtschaftliche Fortschritte braucht es auch Fachkräfte, die zum Beispiel an der Uni Magdeburg ausgebildet werden. Haben wir noch immer einen Fachkräftemangel? 

Es kommt darauf an, dass diejenigen, die wir ausbilden, auch in Sachsen-Anhalt eine berufliche Perspektive haben – sonst wandern sie nach der Ausbildung ab. Das ist das, was passiert und das schafft immer mehr Probleme für die heimischen Unternehmen, die nicht die Gehälter zahlen können, wie die Unternehmen in Bayern oder Hessen.

Was sind Ihrer Meinung nach Herausforderungen und Chancen für die Wirtschaftsregion Sachsen-Anhalt?

Die Herausforderung besteht darin, insbesondere für die ländlichen Räume neue Perspektiven zu schaffen. Die größte Chance besteht darin, dass wir Platz im Überfluss haben und die Preise für Immobilien extrem niedrig sind. Aber wir müssen dafür sorgen, dass denen, die in den großen Städten unter der Wohnungsknappheit und den hohen Mieten leiden, auf dem Land eine Perspektive geboten wird. Ein guter Job in einem Zentrum in erreichbarer Nähe, eine gute Infrastruktur und funktionierende Gemeinschaften, die offen und herzlich neuen Mitbürgern gegenüber sind.

Wie nachhaltig ist die Wirtschaft Sachsen-Anhalts momentan?

Wir reden viel von Nachhaltigkeit und haben zugelassen, dass weite Landstriche unseres Landes durch extensiven Bebau mit Windkraftanlagen zerstört wurden. Die Zerstörung von Kulturlandschaft hat nichts mit Nachhaltigkeit zu tun. Hier brauchen wir ein Umdenken. Mal ganz davon abgesehen, dass dadurch die Netzentgelte in Sachsen-Anhalt so hoch wurden, dass sie ein echtes Ansiedlungshindernis geworden sind. Die Entwicklung des ländlichen Raumes braucht eine intakte Landschaft. Ohne die werden wir nicht erleben, dass es Menschen nach Sachsen-Anhalt zieht.

 

Vielen Dank für das Gespräch!