Prof. Heike Ohlbrecht (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)
04.03.2021 aus 
Forschung + Transfer
Rückkehr zu alten Rollenbildern

Der 8. März steht vor der Tür. Im Osten fest verbunden mit Frauentagsfeiern und Auszeichnungen, blickte der Westen Deutschlands eher kritisch auf dieses vermeintlich sozialistische Ritual. Vor 100 Jahren initiiert, findet der Internationale Frauentag 2021 unter besonderen Bedingungen statt. Denn Corona hat das Leben vieler Frauen zumindest in Deutschland völlig verändert, hat sie in Rollenbilder zurückkatapultiert, die überwunden geglaubt waren. Das sagen zumindest aktuelle Studien von Prof. Dr. Heike Ohlbrecht vom Lehrstuhl für Mikrosoziologie der Universität Magdeburg. Katharina Vorwerk hat sich mit der Soziologin darüber unterhalten, woran sie eine Rückkehr zu alten Rollenbildern festmacht, wer besonders davon betroffen ist und vor allem, wie wir aus diesem Dilemma wieder herausfinden können.

Frau Professorin Ohlbrecht, zuerst eine persönliche Frage: Ist Corona ein Glücksfall für Ihre sozialwissenschaftliche Forschung?

Eine globale Pandemie solchen Ausmaßes kann wohl nur schwer als Glücksfall verstanden werden. Gleichzeitig ist es eine Situation, wie wir sie in modernen Gesellschaften kaum für möglich gehalten haben. Aus soziologischer Perspektive erscheint die Situation daher wie ein soziales Laboratorium: Wir sehen quasi in Echtzeit, wie alte Strukturkategorien, wie soziale Ungleichheit oder Geschlecht, ‚plötzlich‘ wieder präsent werden.

Über 2.000 Personen antworteten auf Ihre Umfrage, wie Corona ihren Alltag verändert hat – ein Drittel davon waren Eltern. Wie geht es also unseren Frauen, Müttern und deren Familien nach 12 Monaten Corona-Pandemie?

Nach unserer ersten Befragung im Frühjahr 2020 während des ersten Lockdowns wurde deutlich, dass viele Menschen die Pandemie als große Belastung erlebten, die Lebenszufriedenheit abnahm und sich die selbst eingeschätzte Gesundheit verschlechterte. Für einen Teil der Befragten konnten auch kleine Gewinne in der Pandemie erlebt werden, für sie war der Lockdown eine Art Entschleunigungsprogramm. Jedoch konnten wir diese Entwicklungen für Eltern, und insbesondere für Mütter, nicht feststellen. In unseren ersten qualitativen Forschungsergebnissen deutet sich beispielsweise an, dass Frauen ihre Berufstätigkeit beziehungsweise ihr Studium et cetera hintenanstellen, um für Kinder und Familie da zu sein. Sie fallen in vergessen geglaubte Rollenmuster zurück, während die Männer und Väter tendenziell weiterarbeiten.

Gibt es eine Gruppe, die besonders widerstandsfähig ist beziehungsweise eine besonders anfällige?

Klar ist, dass eine gute sozio-ökonomische Situation eine wichtige Ressource darstellt, die auch für eine höhere Widerstandskraft sorgen kann. Ein Teil der von uns Befragten, insbesondere die mit einem hohen Bildungsniveau, profitierte während des Lockdowns von ‚Zeitgeschenken‘ und berichtete davon, dass die Befragten es genossen, mehr Zeit für die Familie, Freundschaften oder Hobbys gefunden zu haben. Wenn wir davon sprechen, dass es Gruppen gibt, die besonders belastet sind, dann sind es die Jugendlichen und jungen Erwachsenen, denen es an sozialen Kontakten mit Gleichaltrigen und der Schule als sozialer Nahraum fehlt, sowie alleinstehende ältere Menschen, die an Einsamkeit leiden. Es sind zudem jene mit niedrigem Bildungsabschluss, die durch die Alltagseinschränkungen vor Probleme gestellt sind, zum Beispiel Homeschooling in beengten Wohnverhältnissen ohne mobile Endgeräte. Es sind Alleinerziehende und vor allem Mütter in Kinderbetreuungs- und Beschulungssituationen, die zudem die Ausübung ihres Jobs bewerkstelligen müssen. Überdies sind es all jene, die gesundheitliche und psychische Vorerkrankungen haben, sich schon vor der Pandemie in schwierigen Lebensumständen befanden, weil sie beispielsweise arbeitsuchend waren oder kranke Familienmitglieder pflegen.

Was konkret macht uns angreifbar in Krisenzeiten?

Menschen können den neuen Anforderungen und Normen der Kontaktbeschränkung eher schlecht begegnen, wenn ihnen soziale, materielle beziehungsweise ökonomische und kulturelle Ressourcen fehlen. Was in ihrem Alltag wegfällt und was neu hinzukommt, können sie selbst schlechter kompensieren beziehungsweise managen, es fehlt einfach an Kompetenzen und Strategien der Selbstsorge. Es sind die schon vor Corona gesellschaftlich erzeugten und legitimierten Ungleichheiten, die sich hier verstärken und zu Buche schlagen.

„Mütter haben die Schallmauer des Leistbaren bei der Krisenbewältigung längst durchbrochen“


Sie sprechen von einer Retraditionalisierung des Geschlechterverhältnisses: Überwunden geglaubte Geschlechterrollen verstärkten sich wieder im Lockdown. Woran machen Sie das konkret fest?

Die These der Retraditionalisierung wird in den Sozialwissenschaften auch kontrovers diskutiert, denn es gibt – in Teilen – durchaus auch eine stärkere Beteiligung von Männern an der Kinderbetreuung im Lockdown. Arbeitszeitanpassungen, Arbeitseinschränkungen und Einkommenseinbußen wurden aber vornehmlich für die Mütter zur Realität, so die Ergebnisse unserer Studie. Von der Unzufriedenheit mit der Arbeitssituation, Ängsten um den Arbeitsplatz und von Sorgen finanzieller Art waren verstärkt sie betroffen. Die Last der Kinderbetreuung und des Homeschoolings beispielsweise trugen vor allem die Frauen.

Wir sehen in den Ergebnissen unserer Befragung auch: Mütter sind ängstlicher, trauriger, nervöser, erschöpfter, einsamer und gestresster geworden. Der Rückgang des Glücksempfindens ist bei Müttern seit der Corona-Krise deutlich gravierender als bei den Vätern. Im Einklang mit anderen Studien sehen wir insgesamt, dass Stressfaktoren bei Frauen zunehmen, sich diese Veränderungen bei den Männern in den Phasen des Lockdowns jedoch kaum zeigen. Aber auch hier spielen Bildungsungleichheiten eine große Rolle: Mütter mit Jobs im Niedriglohnsektor haben möglicherweise nicht die Möglichkeit, ihre Arbeitszeiten frei zu wählen, im Homeoffice zu arbeiten und die Arbeitszeiten der Betreuung der Kinder anzupassen. Zwar beteiligen sich auch verstärkt Väter während der Pandemie an der Kinderbetreuung, allerdings ist die Ausgangslage zwischen Vätern und Müttern unterschiedlich. Wenn die Väter beispielsweise in der Woche 5 Stunden Care-Arbeit übernommen haben, sind es jetzt natürlich mehr Stunden. Wir können also proportionale Zuwächse bei den Vätern beobachten, diese fallen von einem niedrigen Niveau ausgehend natürlich höher aus, erreichen aber das Belastungsniveau der Mütter nicht. Mütter leisten grundsätzlich mehr Sorgearbeit – und zu dieser sowieso schon hohen Belastung kommen jetzt noch zusätzliche Aufgaben.

 

Warum nehmen Frauen diese Rollen wieder anstandslos ein, gehen zurück an Heim und Herd?

Das Bild, dass die Frauen im Lockdown wieder anstandslos zurück an den Herd gehen, wird der Situation nicht gerecht. Denn eine traditionelle Rollenverteilung in Familien war schon vor Corona in Deutschland durchaus noch verbreitet. Fakt ist, dass die unbezahlte Care-Arbeit zwischen Männern und Frauen nicht gleichmäßig oder gerecht aufgeteilt ist. Dies – in Zusammenhang unter anderem mit einem geschlechtsspezifischen Arbeitsmarkt – führt dazu, dass es nach wie vor große Unterschiede in der Einkommenssituation von Männern und Frauen gibt. Eine Folge davon ist, dass die Entscheidung der Frauen und Mütter eher ihre Arbeitszeit zu reduzieren, eine rational verständliche Entscheidung ist.

Es gibt Studien, die sprechen davon, dass die Väter während der Corona-Pandemie aufgeholt haben in der häuslichen Aufgabenübernahme und der Kinderbetreuung. Es ist aber bezeichnend, dass ein Zuwachs bei den Vätern als Aufholen deklariert wird, während die Mütter die Schallmauer des Leistbaren im Zuge der Corona-Krisenbewältigung längst durchbrochen haben. Zunehmende Unsicherheitsgefühle werden durch psychischen und physischen Stress begünstigt und drängen in Abhängigkeitsverhältnisse, in denen Einschränkungen und Freiheitsverluste vor lauter Erschöpfung und mangels institutionalisierter Fürsprecher in Kauf genommen werden. Auch das Homeoffice führt eben nicht dazu, dass bezahlte und unbezahlte Arbeit gerechter verteilt wird.

Im Homeoffice verschwimmen die Grenzen zwischen Privat und Beruf und nicht selten führt das zu Mehrarbeit. Warum klappen – sowohl Männer als auch Frauen – den Laptop nicht einfach zu?

Es ist ein hartnäckiges Vorurteil, dass Männer und Frauen im Homeoffice weniger leisten. Entgegen der Meinung vieler Arbeitgeber tritt bei den meisten Angestellten kein Erholungseffekt mehr ein – die sogenannten „Corona-Ferien“ erleben die wenigsten. Ganz im Gegenteil: Viele Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer sind getrieben von der Angst, ihren Arbeitsplatz zu verlieren und die verschwimmenden Linien zwischen Privatem und Beruflichem führen zu einer Entgrenzung von Arbeit. Das Homeoffice ist Fluch und Segen zugleich, wir sparen Pendelzeiten, können für die Familie verstärkt da sein und uns mehr Zeitsouveränität gönnen. Aber genau das kann auch zur Falle werden: Es gibt keine klaren Anfangs- und Endzeiten mehr, die Arbeit lauert förmlich überall: Wir können in der Küche, am Wohnzimmertisch, im Kinderzimmer, im Schlafzimmer überall den Laptop aufschlagen. Ja, warum klappen wir den Laptop nicht zu? Wir können uns im Rahmen unserer erwerbszentrierten Lebensführung scheinbar kaum vorstellen, anders zu leben und, psychologisch gewendet, wollen wir wahrscheinlich auch demonstrieren, dass das gesetzte Vertrauen in uns gerechtfertigt ist.

Gibt es nur die Verschiebung im Verhältnis Männer und Frauen oder beobachten Sie wachsende Ungerechtigkeiten auch auf anderen Ebenen? Arm-reich, Stadt-Land, Ost-West?

Generell erschweren die Lebensverhältnisse der Ärmeren den Selbstschutz vor einer Infektion. Wenn man sich beispielsweise die Situation von geflüchteten Menschen vergegenwärtigt, dann zeigt sich, dass sie dem Virus noch einmal wesentlich schutzloser ausgeliefert sind. In Sammelunterkünften haben sie gar nicht die Möglichkeit, die AHA-Regeln einzuhalten. Die größere Anzahl von Menschen in den systemrelevanten Berufen wird eher schlecht bezahlt und sieht sich einem größeren Ansteckungsrisiko ausgesetzt. Denken Sie an Kassiererinnen und Kassierer oder die Pflege- oder Reinigungskräfte in medizinischen Kontexten. Übrigens arbeiten hier zu einem überwiegenden Teil Frauen. Die aktuelle Krise betrifft darüber hinaus Bereiche wie zum Beispiel das Gastgewerbe, in welchem wiederum Frauen verstärkt arbeiten und damit stärker vom Arbeitsplatzverlust betroffen sind. Es gibt ja insgesamt eine soziale Selektivität in der Teilhabe und den Nutzungsmöglichkeiten des Homeoffice, das heißt, Menschen mit hohem Bildungshintergrund können häufiger von der Möglichkeit des Homeoffice gebrauch machen.

Wird sich diese gesellschaftliche Ausnahmesituation ins kollektive Gedächtnis eingebrannt haben, also in unserem Zusammenleben nachklingen oder sind wir vergesslich und alles wird irgendwann sein wie vor März 2020?

In Vergessenheit wird die Pandemie sicherlich nicht allzu schnell geraten – dafür dauert die Krise zu lange an und wird zu intensiv erlebt. Im Sommer 2020 träumten wir allen den kurzen Traum der Normalität, das Erwachen war für viele Zeitgenossen ungemütlich und auch beängstigend. Der kollektiv geforderte und erzwungene Rückzug aus dem öffentlichen Raum war eine so einmalige Erfahrung, die traf und trifft eine hoch individualisierte Gesellschaft quasi bis ins Mark. Die Covid19-Pandemie ist nicht die erste weltumfassende Pandemie, die die Menschheit heimsucht. Aber im Unterschied zu den historischen Vorläufern trifft sie uns zu einer Zeit, da die Herrschaft der Krankheit gebannt schien und wir zumindest in Europa Gesundheit als gesichert annahmen. Der Zwang mit bisherigen Routinen zu brechen, auf Abstand zu gehen et cetera ist ein so massiver Eingriff in die soziale Interaktionsordnung der Gesellschaft, dass davon auszugehen ist, dass die sorglose Unbefangenheit im Umgang miteinander noch eine Weile vermisst wird.

Frau Professorin Ohlbrecht, haben Sie vielen Dank für das Gespräch!

 

Über Prof. Ohlbrecht

Prof. Dr. Heike Ohlbrecht ist Lehrstuhlinhaberin für Allgemeine Soziologie/ Mikrosoziologie. Ihre Forschungsschwerpunkte sind:

Autor:in: Katharina Vorwerk