Rektor der Uni Magdeburg Prof. Jens Strackeljan im Gespräch beim Sommerfest (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)
15.11.2021 aus 
Campus + Stadt
„Wir sollten uns jeden Tag fragen: Muss das so sein? “

„Zusammen die Welt neu denken“ ist eine Einladung, künftig dann und wann ausgetretene Pfade zu verlassen, um gemeinsam neue Ziele zu erreichen: als universitäre Gemeinschaft, im Wirken der OVGU in die Stadt oder in die globale Gesellschaft hinein. Aber haben wir dafür als Uni überhaupt die passenden Organisationsstrukturen, auskömmlichen Finanzierungsmodelle, tragfähigen Partnerschaften? Fragen, die Universitätssprecherin Katharina Vorwerk dem Rektor, Prof. Dr.-Ing. Jens Strackeljan, beim Sommerpicknick stellte.

„Zusammen die Welt neu denken“ steht in großen Buchstaben hier in der FestungMark beim ersten Sommerpicknick nach Monaten der Pandemie. Ein gutes Motto?

Das richtige Motto zu diesem Event. Ein Sommerfest nach schwierigen Monaten ist doch ein guter Start für eine Verständigung darüber, was die OVGU künftig ausmachen soll. Darüber und über den Slogan, den ich im Übrigen für gut halte, sollten wir uns in den kommenden Wochen innerhalb der Universität austauschen: Was bedeutet dieser Satz für uns? Da hat jeder sicher seine eigenen Vorstellungen. Aber, wenn wir die großen Herausforderungen im Bereich Mobilität, Klima, IT und KI betrachten, dann gibt es viel zu tun. Diese großen gesellschaftlichen Fragen sollten von den klügsten Köpfen bearbeitet und beantwortet werden. Wir wollen alle einladen, an guten Lösungen mitzuarbeiten, ob aus Indien oder Ilmenau. Insofern passt das gemeinsam, passt die Welt und das neu denken ist für eine Uni selbsterklärend.

Für unbekannte Pfade und neue Ziele braucht die OVGU einen Kompass. Wohin muss die Nadel zeigen?

Was die Lehre betrifft, wird einmal im Jahr abgerechnet. Dann wissen wir durch die immatrikulierten Studierenden, ob wir noch in die richtige Richtung laufen, die passenden Programme da sind, wir noch attraktiv sind. Perspektivisch brauchen wir die Zahl von vierzehntausend Studierenden. Sie bringt uns Gewicht, Balance im Land und am Ende auch Positionen in Rankings. Aber Studienprogramme kann man nicht nur am grünen Tisch entwerfen. Da müssen wir auch mal abwarten, ob Nachfrage oder Interesse erzeugt wird. In der Forschung haben wir das Vermögen, uns in nationalen und internationalen Programmen wie der Exzellenzinitiative zu behaupten. Die Erfolge auf dem Weg dahin und gegebenenfalls das Einwerben eines solchen Exzellenzclusters würden auch eine klare Bestätigung der Richtung geben. In den wesentlichen Parametern Forschung und Lehre sind die Wege also relativ gut vorzuzeichnen und der Kompass ist klar beschrieben.

Brauchen wir neue Impulse, unsere Forschung weiterzuentwickeln?

Die Erkenntnis, dass nicht nur aus einer einzigen Disziplin heraus spannende Studienprogramme entwickelt oder große Forschungsfragen beantwortet werden können ist ja nicht neu. Aber unsere jetzt eingesetzten Instrumente, wie die Round Tables, haben dazu geführt, fachübergreifende Diskussionen innerhalb der Universität zu intensivieren. Wir haben wirklich sehr bewusst daraufgesetzt, Forschende zusammenzubringen, von denen wir glauben, dass sie zu einem Thema wie KI oder Mobilität gemeinsam Neues schaffen können. Da sind wir auf einem guten Weg.

Die Studierendenschaft wird heterogener und internationaler, wir haben als Profiluni schwierige Fächer zu „verkaufen“, die Digitalisierung verändert tradierte Lehrformate: mehr Chance oder mehr Herausforderung?

Sicher beides. Natürlich wäre es zur Erfüllung von Studierendenzahlen angenehm, wenn wir Jura im Studienprogramm hätten. Dann müssten wir uns um einige hundert Anfängerinnen und Anfänger keine Sorgen machen und hätten vermutlich in diesem einen Studiengang so viele Erstsemester wie in der Summe unserer anspruchsvollen Ingenieurprogramme. Das ist zunächst einmal eine Herausforderung. Auf der anderen Seite sind wir im Wettbewerb um internationale Studierende mit unseren Studienprogrammen sehr attraktiv. Und da liegen unsere Chancen, ohne, dass wir uns jetzt komplett auf Internationals orientieren. Die Quote liegt aktuell bei gut 30 Prozent. Das ist für die OVGU und ihr Umfeld in Wissenschaft und Wirtschaft ein guter Anteil. Zu den Chancen in der Lehre möchte ich auch auf unser SAP-Kompetenzzentrum verweisen, in dem wir mit Lehrmaterial weltweit in mehr als 80 Ländern in über 700 Bildungseinrichtungen rund 120.000 Studierende mit sehr heterogenen Voraussetzungen betreuen. Eine hervorragende Möglichkeit, Partnerschaften mit Universitäten weltweit im Rahmen der grundständigen Lehre, aber auch in der Weiterbildung zu schließen. Also, als Resümee würde ich mittelfristig die Chancen größer bewerten als die Risiken für die OVGU.

Rektor der Uni Magdeburg Prof. Jens Strackeljan im Gespräch beim Sommerfest 3 (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgDer Rektor der Uni Magdeburg im Gespräch mit Studierenden beim Sommerfest. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Werden wir nach Corona Präsenzuni bleiben oder neu denken und zur Hybridlehre übergehen?

Natürlich müssen wir nach Corona neu justieren und haben in den letzten Semestern bereits neue Formate entwickelt und erprobt. Die Uni Magdeburg betrachtet für sich aber die Präsenzlehre weiterhin als Normform, das ist für uns gesetzt. Indes, die Übergänge zwischen Präsenz-, Online- und Hybridlehre werden fließender. Schon in den vergangenen Monaten wurden wir in der Lehre facettenreicher und variabler. Und: Fiel früher eine Vorlesung wegen einer Tagung aus, haben wir mittlerweile gelernt, dass es überhaupt kein Problem ist, sich aus allen Ecken der Welt per Zoom zu treffen.

Die Uni steht im globalen Wettbewerb um Köpfe und Ressourcen. Reichen dafür unsere etablierten Strukturen und Formen der Zusammenarbeit?

Die neun Fakultäten, die diese Universität traditionell ausmachen, stellen nicht selbstverständlich ein gutes Grundgerüst dar, um die Zukunft zu gestalten. So wachsen die Disziplinen in der Elektrotechnik, in der Informatik und im Maschinenbau deutlich zusammen und die Universität ist gefordert, über Strukturen immer wieder neu nachzudenken. Sie dürfen keine Beschränkungen für Weiterentwicklungen darstellen. Aber über die Fakultäten hinaus gibt es natürlich auch ganz andere Formate zum Netzwerken. Die vorhin angesprochenen Round Tables sind ja genau der Versuch, Fakultätsgrenzen zu überwinden. Erfolgreiche Drittmitteleinwerbungen wie unsere aktuellen Sonderforschungsbereiche sind durch Interdisziplinarität geprägt. Eine weitere formale Möglichkeit der Netzwerkbildung, die das Hochschulgesetz uns bietet, sind die Zentren: Thematisch fokussiert und abseits von dem, was eine Fakultät alleine leisten kann sind Zentren zukunftsträchtige Modelle und auch schon die Antwort auf die Frage, wie man es denn anders gestalten könnte. Die Bildung der beiden Zentren CBBS und CDS vor mehr als zehn Jahren an der Uni hat sich ganz eindeutig als Erfolgsmodell bewiesen. Und deshalb haben wir jetzt mit CAME und CHAMP auch zwei neue Zentren auf die Schiene gebracht, die hoffentlich genauso erfolgreich sind.

Muss die Uni sich wandeln und mehr Möglichkeiten der Partizipation schaffen, um alle Talente mitzunehmen, ungenutzte Potenziale zu heben?

Die Gefahr, dass manch gute Ideen von Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern nicht gehört werden, ist an der OVGU gegeben. Die Uni hat traditionell sehr starke Fakultätsstrukturen, die man auch nicht so einfach abstreifen kann und wir bewegen uns in einem Rechtsrahmen, der vieles regelt. Wir nutzen Steuergelder und haben damit verantwortungsvoll umzugehen. Das ist ein Unterschied gegenüber einem privaten Unternehmen und führt nicht immer zu Beschleunigungen. Aber ich glaube nicht, dass wir alle Freiheitsgrade und Möglichkeiten, die wir innerhalb dieser Bindungen und Regelungen haben, auch tatsächlich schon nutzen. Oftmals mangelt es schlicht an der internen Kommunikation, da müssen wir besser werden. Denn wir schaffen die vor uns liegenden Aufgaben, die wir vorhin angesprochen hatten, auch wirklich nur gemeinsam.

Könnten Sie den Spirit beschreiben, der für Sie die OVGU-Gemeinschaft ausmacht?

Es gibt meines Erachtens nach ein hohes Maß an Gemeinschaftssinn sowie auch an Bereitschaft und Vermögen, gemeinsam zu denken und zu handeln, wenn die Personen erst einmal zusammengebracht wurden. Wir haben ganz hervorragende Nachwuchskräfte und man muss nicht der Seniorwissenschaftler sein, um Gehör zu finden. Das ist auch ein Stück Spirit und spürbar und das bestätigen uns auch immer wieder die Gutachter und Gutachterinnen, die von außen unsere Programme und Anträge bewerten. Also bei aller berechtigten Kritik und wenn auch nicht alle das unterschreiben würden: Wenn es drauf ankommt, dann treten wir doch ziemlich geschlossen auf.

Vor welchen konkreten Aufgaben stehen wir bezüglich unserer Internationalisierungsstrategie?

Bei unseren Internationalisierungsbemühungen müssen wir Forschung und Lehre noch enger miteinander verbinden. Bisher haben wir in diesem Kontext sehr stark auf die Studierendenzahlen geachtet. Wir heißen natürlich jeden herzlich willkommen, müssen uns aber künftig breiter aufstellen und die starke Orientierung auf die asiatischen Länder etwas abbauen. Der Anteil von nicht einmal sieben Prozent Studierender aus der EU ist gering. Darin zeigt sich übrigens auch die Markenbildung in der Außenwirkung, da können wir sicherlich noch einiges tun.

Ein Teil unserer Anstrengungen ist die Umsetzung eines der größten Bauprojekte, das wir aktuell planen und in den nächsten zweieinhalb Jahren umsetzen: der Aufbau des Gebäudes 01 als Welcome Center. Wir werden dort den Service bündeln, das International Office unterbringen und Zulassungsprozesse bearbeiten. Was mich besonders freut: Das Gebäude drückt diese Weltoffenheit auch durch die Architektur aus. Umgekehrt soll das Welcome Center auch unsere Studierenden, die in die Welt wollen, beflügeln. Ein starkes Statement zur großen Bedeutung der Internationalisierung. Und es wird eine Dachterrasse geben, auf der wir schöne Länderabende feiern können.

Rektor der Uni Magdeburg Prof. Jens Strackeljan im Gespräch beim Sommerfest 2 (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgDer Rektor der Uni Magdeburg im Gespräch mit Mitareitenden des International Office beim Sommerfest. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Gibt es im Austausch mit den Fakultäten oder der Verwaltung Äußerungen, die Sie eigentlich nicht mehr hören mögen?

Das sind ganz allgemein die Hinweise auf irgendwelche Regelungen, bei denen uns aus dem Sinn gekommen ist, woher sie eigentlich kommen. Ja, wir haben einen rechtlichen Rahmen und der wird zum Beispiel beim Thema Beschaffung auch immer enger. Trotzdem könnte man darüber nachdenken, ob nicht auch eine eilige Bestellung im Online-Handel geht. Wir sollten immer wieder hinterfragen, ob Prozesse nicht angepasst werden können. Wir sollten uns quasi mehr als Hinterfrager denn als Bewahrer von Strukturen betrachten und das fehlt mir manchmal, egal auf welcher Ebene. Wir sind zwar eine nachgeordnete Behörde, aber eine ganz besondere. Und die sprichwörtliche Behördenmentalität müssen wir nun wirklich nicht pflegen. Von wem, wenn nicht von einer Uni mit unserem Profil und dem Vermögen, Innovationen voranzutreiben sollte man das denn sonst erwarten? Wenn wir gefangen sind in unserem eigenen Regelwerk, dann haben wir ein Problem und sollten uns von daher jeden Tag überlegen: Muss das eigentlich so sein?

Geben uns die hochschulpolitischen Rahmenbedingungen ausreichend Beinfreiheit?

Also in der Haushaltsaufstellung sind klare Rahmen natürlich erforderlich: Der Landtag gibt der Universität im Jahr 100 Millionen Euro. Aber Corona hat deutlich gemacht, dass wir viel flexibler und schneller in bestimmten Bereichen investieren müssen. Danach könnten wir eventuell auch mal wieder drei oder vier Jahren auf ein paar Euro verzichten. Ein Beispiel: Unser Rechenzentrum im Untergeschoss des Gebäudes 01 muss jetzt entstehen, es gibt also jetzt einen akuten Finanzbedarf. Insofern ist die Frage nach einer auskömmlichen Finanzierung pauschal eigentlich nur mit Nein zu beantworten. Das heißt nicht, nur nach mehr Geld zu rufen, sondern nach mehr Flexibilität. Übrigens nicht nur beim Geld, auch das Flächenmanagement gehört vollständig in die Hand der Universität. Wir sind sehr dankbar, dass das Land uns mit EU-Mitteln unterstützt und wir aktuell auch größere Infrastrukturprojekte umsetzen können.

Ihr Fazit: Ist Zusammen die Welt neu denken also eher Beschreibung oder Vision für die OVGU?

Ich sehe es eher als Vision, die beschreibt, wohin es gehen könnte. Wir haben vorhin ja über den Kompass gesprochen, es ist also ein Stück weit auch Orientierung in diese Richtung. Das ist meine Deutung, vielleicht haben andere eine ganz andere Vorstellung? Das müssen wir in den nächsten Monaten abgleichen. Denn, wenn wir uns aufmachen, müssen wir diesen Weg als Uni gemeinsam gehen. Sonst sind wir nicht stark genug, werden uns auf den noch nicht ausgetretenen Pfaden eventuell verlieren oder dann doch zu langsam vorankommen. Wir brauchen also ein gemeinsames Commitment und die Gespräche dazu sollten wir jetzt beginnen.

 

Vielen Dank für das Gespräch, Herr Professor Strackeljan.

Autor:in: Katharina Vorwerk