14.10.2021 aus 
Forschung + Transfer
Nachhaltigkeit ist ein Gemeinschaftsprojekt

Prof. Dr. Ellen Matthies ist nicht nur seit 2011 Professorin für Umweltpsychologie an der Uni Magdeburg, sondern sie war auch 7 Jahre lang aktives Mitglied im Beirat der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen und konnte dort aktiv mit der Politik die Nachhaltigkeitsstrategie Deutschlands mitbestimmen. Psychologie bewege, sich oft in Bereichen, in denen wir alle Erfahrung haben. Wir wissen alle, wie schwer es sei, unser Alltagsverhalten zu ändern oder wie schnell Vorsätze vergessen seien. Aber es gebe auch Bereiche, da könne uns Psychologie neue Perspektiven eröffnen, meint Prof. Dr. Ellen Matthies: „Ein Beispiel, das mir da sofort einfällt, ist die Frage der nachhaltigen Mobilität. Als Psychologin weiß ich, dass wir Elektromobilität besser fördern könnten, wenn wir angemessener informieren – nämlich nicht über Reichweiten, sondern über die Häufigkeit des Schnellladens. Und ich weiß, dass mittlerweile Menschen gar nicht mehr gegen Verbote und Regulierungen sind, sondern diese Instrumente unterstützen, und das trotz der Corona-Pandemie.

Prof. Ellen Matthies (c) Hannah Theile Uni MagdeburgUmweltpsychologin Prof. Ellen Matthies (Foto: Hannah Theile / Uni Magdeburg)

Neben ihrer Tätigkeit in Forschung und Lehre an der Universität Magdeburg war sie außerdem sieben Jahre lang ein Mitglied des Beirates der Bundesregierung Globale Umweltveränderungen, ein unabhängiger wissenschaftlicher Beirat. „Es war unsere Aufgabe, nach bestem wissenschaftlichen Wissen künftige Handlungsfelder im Bereich nachhaltige Entwicklung zu identifizieren und den wissenschaftlichen Erkenntnisstand für die Bundesregierung aufzubereiten“, erzählt die Umweltpsychologin. Ihre Arbeit innerhalb des Rates bestand vor allem daraus, gemeinsam mit den Kolleginnen und Kollegen, Expertisen und Einschätzungen zusammenzufassen und zu überarbeiten und Gutachten zu erstellen, die auf Zukunftsthemen und die kommenden Klimakonferenzen abgestimmt waren. „Außerdem gehörten Vorträge und Diskussionsrunden, beispielsweise zu transformationsgerechter Urbanisierung, nachhaltiger Digitalisierung und nachhaltiger Landnutzung zu den Aufgaben“, so Prof. Matthies. „Zu verschiedenen Teilthemen konnte ich meine Expertise im Bereich der Umwelt-, Sozial- und Allgemeinen Psychologie einbringen, vor allem als es um Stadtgesellschaft und Partizipation, Digitalisierung und Nutzerintegration sowie den Wandel des Ernährungsstils ging. Tatsächlich war die Digitalisierung auch ein Thema, das mir besonders am Herzen lag. Digitalisierung wird im Kontext von Nachhaltigkeit meist gefürchtet, bietet aber gleichzeitig ein enormes Potenzial zur Realisierung von Nachhaltigkeitszielen. Wie also Potenziale heben und gleichzeitig die Gefahren begrenzen? Das war das spannendste Gutachten, an dem ich mitarbeiten durfte.

Aktiv Einfluss nehmen und die Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesrepublik mitzugestalten, das sei als Mitglied des Beirates möglich gewesen: Die Gutachten, die der Beirat erstellt, werden von Politik und Zivilgesellschaft oft herangezogen, um in der Debatte bestimmte Argumente zu stärken. Der Beirat hat die Aufgabe zu informieren und Diskurse anzustoßen. „Das Schlimmste, was also passieren kann, ist, dass ein Gutachten nicht zur Kenntnis genommen wird. Das ist einmal geschehen, als wir uns zum Thema Fairness im Klimaschutz eingebracht haben“, erinnert sich die Umweltpsychologin. So habe der Beirat 2018 einen Klimafonds vorgeschlagen, der dazu verwendet werden sollte, dass Klimaungerechtigkeit thematisiert werden kann, durch Klimaklagen, durch Förderung vom Kohleausstieg und durch einen Klimapass für Klimaflüchtlinge. Finanziert werden sollte das aus einer CO2-Bepreisung und einer Vermögenssteuer. „Es herrschte Funkstille und unsere Ideen verpufften quasi im luftleeren Raum. Zwei Jahre später wurden dennoch fast alle unsere Vorschläge ohne Bezug auf unser Sondergutachten übernommen – also am Ende doch ein Erfolg für uns“, meint die Wissenschaftlerin abschließend.

Freitage für eine bessere Zukunft

Es gab in den zurückliegenden Jahren sowohl positive Erfahrungen als auch Niederlagen in der Beiratsarbeit. „Im März 2019 zogen Schülerinnen und Schüler in Berlin zum Brandenburger Tor. Es war ein Freitag. Alle Mitglieder des Beirates waren in der Geschäftsstelle. Der nicht enden wollende Demonstrationszug der jungen Leute zog durch die Luisenstraße an uns vorbei. Wir haben ihnen applaudiert und sie haben uns applaudiert. Das war ein Moment, in dem ich dachte, dass wir an der Geschichte teilnehmen und nun die beherzte Umsetzung der Transformation zur Nachhaltigkeit endlich beginnen muss“, erinnert sich die Wissenschaftlerin.

Jugendliche bei einer Demo von Fridays for Future (c) Shutterstock Eugenio MarongiuJugendliche bei einer Demo von Fridays for Future (Foto: Shutterstock / Eugenio Marongiu)

Darauf folgte dann im Herbst 2019 die Ernüchterung. „Das Klimagesetz der Bundesregierung ist zunächst viel zu schwach und vor allem entgegen aller wissenschaftlichen Expertise ausgefallen. Beschlossen wurde ein CO2-Preis von nur 10 Euro pro Tonne. Da habe ich überlegt, den Wissenschaftlichen Beirat zu verlassen.“ Damals entschied sie sich, für Scientists for Future aktiv zu werden, wo sie sich heute noch engagiert. Die Transformation zur Nachhaltigkeit sei ein Gemeinschaftsprojekt. Prof. Ellen Matthies fasst zusammen: „Eine tolle Chance, sich in unserer Gesellschaft zu vergewissern, wohin wir wollen, was uns wirklich kostbar ist.“

Hätte sie freie Hand und könnte die Umweltpolitik und Nachhaltigkeitsstrategie der Bundesregierung sofort verändern, würde sie nicht lange zögern: „Ich würde die Sektoren Verkehr und Landwirtschaft sofort ambitioniert in die Dekarbonisierung einbeziehen, damit der dringend notwendige Wandel zügig und dabei wirklich sozial verträglich passieren kann. Bisher wurde die Wende in der Landwirtschaft und Automobilindustrie immer wieder blockiert und verlangsamt. Wir brauchen sie aber! Je eher wir sie angehen, desto besser und gerechter werden die Lösung und der Prozess sein können.“

Würde Prof. Ellen Matthies die Welt neu denken, würde sie so aussehen: „Ein solidarischer Planet, als ein soziales Miteinander auf Augenhöhe, mit einer ökologischen und sozial verträglichen Wirtschaftsweise, ein würdevolles Leben, das nicht auf Kosten anderer geht.“