Alexander Spencer ist Professor für Internationale Beziehungen und Leiter des Masterstudienganges „Peace and Conflict Studies“ der Uni Magdeburg (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)
20.09.2021 aus 
Forschung + Transfer
Forschen für den Frieden

Am 21. September wird weltweit der Tag des Friedens begangen. Mehr als die Abwesenheit von Krieg, ist Frieden ein Sehnsuchtsbegriff der Menschheit mit vielen Facetten und Bedeutungen. Unzählige Darstellungen haben sich im Gedächtnis der Menschen eingeprägt. Picasso hat mit dem Wandbild GUERNICA und der Friedenstaube Ikonen geschaffen, aber sich reichende Hände oder das Peace-Zeichen der Friedensbewegung werden weltweit verstanden. Alexander Spencer ist Professor für Internationale Beziehungen und Leiter des Masterstudienganges „Peace and Conflict Studies“ der Uni Magdeburg. Katharina Vorwerk hat mit ihm anlässlich des Internationalen Tag des Friedens über einen großen Begriff und die Rolle der Friedens- und Konfliktforschung gesprochen.

Ob zwischen Staaten oder Ehepartnern – bezeichnet der Begriff Frieden nur die Abwesenheit von Krieg? Gibt es - politikwissenschaftlich gesehen - eine gültige Definition?

Es gibt keine allgemein akzeptierte Definition von Frieden in der Politikwissenschaft oder der Friedens- und Konfliktforschung. Dennoch wird generell zwischen negativem und positivem Frieden unterschieden. Negativer Frieden wird hier als die Abwesenheit von Krieg oder physischer Gewalt verstanden. Positiver Frieden zeigt darüber hinaus weitere Merkmale wiedie Erfüllung menschlicher Bedürfnisse, die Zufriedenheit mit einem bestimmten Lebensstandard oder die Abwesenheit struktureller Gewalt. Strukturelle Gewalt meint an dieser Stelle nicht einen einzelnen Akt der physischen Gewalt, sondern beschreibt einen größeren Zusammenhang, der zum Leid von Menschen beiträgt, wie Armut, Rassismus oder Sexismus.

Es ist sicherlich hilfreich Frieden und Krieg nicht als Endpunkte zu verstehen, sondern als Skala, bei der insbesondere der Endpunkt positiver „Weltfrieden“ - realistisch betrachtet – wohl erst einmal unerreichbar und trotzdem erstrebenswert ist.

Gibt es in allen Kulturen ein universelles Verständnis von Frieden?

Die meisten Kulturen haben ein bestimmtes gemeinsames Verständnis von Krieg und Frieden. Wir müssen uns vor Augen halten, dass insbesondere Kriege eine wichtige Rolle in der Etablierung von lokalen, regionalen und nationalen Identitäten spielten und spielen. Diese sind jedoch kulturell sehr spezifisch. In Großbritannien, zum Beispiel, spielt der Zweite Weltkrieg immer noch eine sehr wichtige Rolle für das Selbstverständnis und die Identität des Landes.

Basieren Konflikte und Kriege der Menschheit immer auf den gleichen Prinzipien?

In der Friedens- und Konfliktforschung existieren eine Reihe von Theorien, die versuchen, unterschiedliche Arten von Konflikten zu definieren und zu erklären. Hierbei konzentrieren sie sich auf bestimmte Aspekte von Konflikten, wie, zum Beispiel, die Verteilung von Macht und von Ressourcen, die Formierung von Interessen, die Bedeutung von Normen, Geschlechtern, Sprache oder Identitäten. Jede Theorie hat ihre Stärken und Schwächen und hilft uns, Konflikte zu erklären und zu verstehen.

Frieden wird umgangssprachlich „gestiftet“, er muss also aktiv herbeigeführt werden, ist es in der Geschichte also nicht der Normalzustand?

Hier sieht man die enorme Bedeutung von Sprache für den Umgang mit Frieden. Sie nutzen die Metapher des „stiftens“, wobei diese Wortwahl oder besser diese Metapher bestimmte Dinge über Frieden suggeriert und andere verschweigt. Wenn wir von Frieden „stiften“ sprechen, bedeutet das doch fast schon automatisch, dass Frieden nur von außen herbeigefügt werden kann. Frieden scheint hier also nicht etwas von der lokalen Bevölkerung herbeigeführte, sondern durch externe Intervention Erreichtes. Wie wir in Afghanistan sehen, ist das jedoch nicht zwangsläufig eine gute Idee. Wir müssen also sehr aufpassen, welche Worte und Metaphern wir nutzen.

Bedeutet die Herstellung von Frieden immer Kompromissbereitschaft oder ist so mancher Frieden nur durch Gewalt erzwungen?

Es kommt darauf an, von welchem Frieden wir reden: Negativer Frieden kann kurzfristig durchaus durch Gewalt erzwungen werden. Das funktioniert für einen langfristigen, positiven Frieden nicht. Der muss in und von der Gesellschaft getragen werden und beinhaltet immer Kompromissbereitschaft der ehemaligen Konfliktparteien. Die Rolle von Kompromissen ist meiner Ansicht nach immer zentral, auch wenn sich die Form, der Prozess oder die involvierten Akteure sowie das generelle Verständnis von Frieden über Zeit und Kulturen verschieben.

Im Mai erinnerten wir uns an 76 Jahre Kriegsende. Wir leben in Zentral-Europa inzwischen sehr langen im Frieden – wie haben „wir“ das geschafft?

Auch hier kommt wieder auf das Verständnis von Frieden an. Wenn wir von positivem Frieden sprechen, ist es durchaus diskutabel, ob dieser Zustand in Zentral-Europa zutrifft. Denn es gibt weiterhin strukturelle Gewalt, wie Kinderarmut oder Rassismus, die es schwer machen von positivem Frieden zu sprechen. Wenn wir von negativem Frieden sprechen, würde ich Ihnen zustimmen, und auf die wichtige Rolle von Demokratie, Medien, Transparenz und europäischer Institutionen und Programme wie ERASMUS verweisen, die Kommunikation und das Finden von Gemeinsamkeiten ermöglichen sowie die Bildung einer gemeinsamen Identität unterstützen. Gleichzeitig sollten wir nicht die Rolle realer oder wahrgenommener externer Bedrohungen des Zusammenhalts und die Abwesenheit von Krieg in Zentral-Europa vergessen.

Was sind Ihrer Ansicht nach aktuell die schwierigsten Konflikte auf der Welt?

Wir sollten sehr vorsichtig sein, gewalttätige Konflikte gegeneinander abzuwägen. Natürlich sind manche Konflikte gewalttätiger als andere, dennoch verursachen auch niederschwellige Konflikte mit „nur“ sporadischer Gewalt extrem viel Leid. Für die Konfliktbearbeitung sind insbesondere Auseinandersetzungen schwierig, in denen der Konflikt in Teilen selbst zum identitätsstiftenden Merkmal der beteiligten Konfliktparteien geworden ist, wie zwischen zwischen Israel und Palästina, Indien und Pakistan oder in Nordirland. So wird der meist bereits sehr lange andauernde Konflikt zum Teil des Selbstverständnisses und eine „Lösung“ bedarf der Etablierung von neuen Identitäten. Das macht die Sache nicht einfacher.

Von welchen Konflikten auf der Welt bekommen wir medial überhaupt nichts mit?

Von den meisten.

Was ist für Sie die stärkste Metapher für Frieden?

Metaphern sind wichtig, da sie abstrakte Dinge, wie Frieden, durch weniger abstrakte Dinge verständlich machen. Die Resonanz bestimmter Bilder hängt sehr stark von dem Sprecher oder der Sprecherin beziehungsweise dem kulturellen Kontext ab. Zentral ist, dass Metaphern des Friedens immer unterschiedliche politische Handlungen erklären. Sie machen bestimmte politische Entscheidungen scheinbar sinnvoller und machbarer als andere. Wenn wir Frieden als einen Prozess des Brückenbauens metaphorisieren, transferieren wir ein bestimmtes Wissen über Brücken auf das Konzept von Frieden. Zum Beispiel, dass das Brückenbauen nicht jeder kann, man braucht Expertise, viel Geld und wenn erstmal die Brücke steht ist erstmal Ruhe. Bei der Metapher von Frieden als eine Pflanze, wenn wir Frieden also säen, rücken wiederum andere Aspekte in den Vordergrund.

Frieden und Konfliktforschung (c) Shutterstock / Novosvetlov MaksimMehr als die Abwesenheit von Krieg, ist Frieden ein Sehnsuchtsbegriff der Menschheit mit vielen Facetten und Bedeutungen (Foto: Shutterstock / Novosvetlov Maksim)

Stimmt der Eindruck, dass es einfacher ist, in Wort und Bild Krieg darzustellen, als Frieden?

Dies scheint der Fall zu sein. Die Forschung hat gezeigt, dass sich, zum Beispiel, Kinder in Schweden sehr viel leichter damit tun, ein Bild von Krieg zu malen als eines von Frieden. Dies ist durchaus beunruhigend, auch wenn es mit dem Verweis auf die Dominanz von Krieg und Konflikten in Erzeugnissen der Alltagskultur erklärbar erscheint.

Gibt es wiederkehrende Motive für die Darstellung von Frieden und Unterschiede in Foto, Film oder bildender Kunst?

Es gibt durchaus ein paar Klassiker wie zum Beispiel die bereits erwähnte Brücke, der Baum, die Familie oder eine Reise. Auch die Taube mit dem Olivenzeig sind weithin bekannt als visuelle Metaphern des Friedens. Dennoch bleibt die Frage offen, wie man den Begriff Frieden sinnvoll und verständlich ohne Verweise auf den Krieg darstellen kann und ob diese dichotome Beziehung nicht vielleicht nötig ist für eine verständliche Visualisierung.

Sie beschäftigen sich wissenschaftlich mit der Friedens- und Konfliktforschung: Was konkret wird wie untersucht?

Das Feld der Friedens- und Konfliktforschung beschäftigt sich mit sehr unterschiedlichen Dingen und involviert sehr unterschiedliche Fächer, von der Naturwissenschaft bis zur Friedenspädagogik. Daher kann man die Frage nicht so leicht beantworten, aber im Kern liegt immer das Anliegen, Konflikte und Frieden zu analysieren und zu verstehen.

Inwiefern kann Ihre Forschung helfen, Frieden zu stiften?

In der Frieden- und Konfliktforschung gibt es, vereinfacht gesagt, zwei Lager. Das eine möchte Forschen für den Frieden und das andere über den Frieden. In der Realität verschwimmen diese Lager, denn auch, wenn keine expliziten politischen Vorschläge für eine friedliche Lösung von Konflikten durch die Forschung formuliert werden, so schwingt meist ein wenig die normative Hoffnung mit, dass die Ergebnisse auch in der Politik wahrgenommen werden und zu einer friedlicheren Welt beitragen, so idealistisch das auch klingen mag.

Sie leiten den englischsprachigen Studiengang Peace and Conflict Studies an der Uni Magdeburg. Welche Kompetenzen geben Sie den Studierenden mit?

Unsere Studierenden lernen, Konflikte aus unterschiedlichen Perspektiven kritisch und wissenschaftlich fundiert zu beleuchten, zu verstehen und zu erklären. Warum, wann, wie und zwischen wem kommt es zu gewalttätigen Konflikten in der Welt. Und daran anschließend: Welche Möglichkeiten gäbe es, diese Konflikte zu adressieren. Uns ist es wichtig, dass Studierende sich in unterschiedliche Perspektiven hineindenken können, um auch kritisch über Ursachen und Lösungsansätze reflektieren zu können. Kritische Reflektionsfähigkeiten sind hier also zentral. Die meisten unserer Absolventen arbeiten nach ihrem Studium für NGOs, Regierungsbehörden, internationale Organisationen, Medien oder in der Wissenschaft. Da es gegenwärtig genug Konflikte zu analysieren gibt, werden wir in der Friedens- und Konfliktforschung wohl leider nie arbeitslos. Man studiert Friedens- und Konfliktforschung nicht, um viel Geld zu verdienen, sondern, um die Welt zu verstehen und, hier spricht der Idealist in mir, diese vielleicht ein bisschen besser zu machen.

Prof. Spencer, vielen Dank für das Gespräch!

Autor:in: Katharina Vorwerk
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