Varg Königsmark und Nadine Zscherber sind Teil des Teams, das an der Uni Magdeburg die Aphantasie untersucht (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)
27.09.2021 aus 
Forschung + Transfer
Wenn das „innere Auge“ blind ist

Erinnerungen an den letzten Strandurlaub: Sand klebt unter den nassen Füßen, der Blick schweift über das Meer und den Horizont, während man genüsslich die salzige Prise einatmet. Möwenschreie und Meeresrauschen untermalen die Szenerie. Es ist die Vorstellungskraft, die es uns ermöglicht, diese erzählte Situation zu erleben – nicht ganz so intensiv wie in der Realität, doch die Gefühle spüren die meisten trotzdem. Bei Menschen mit Aphantasie ist das anders: Der Absolvent des Masterstudiengangs Philosophie – Neurowissenschaften – Kognition und Doktorand Varg Königsmark erforscht dieses Phänomen gemeinsam mit einem Team an der Uni Magdeburg: „Aphantasie beschreibt eine Unfähigkeit oder Unzulänglichkeit von sensorischer Vorstellung. Wir sprechen ja manchmal vom geistigen Auge, das Dinge sehen kann, die in dem Moment nicht wirklich da sind. Menschen mit Aphantasie sind hierzu nicht oder nur sehr wenig in der Lage.“ Wie das bildliche können auch das akustische, taktile oder räumliche Vorstellungsvermögen davon betroffen sein: Keine unerwünschten Ohrwürmer, die sich tagelang im Hirn einnisten, keine Erinnerung an die Schmerzen einer verheilten Verletzung oder den Geschmack des Lieblingsessens. Seit Ende des 19. Jahrhunderts ist dieses Phänomen bei Menschen bereits bekannt. Nach etwa 115 Jahren, 2015, wurde es benannt und untersucht: Die Aphantasie lässt allerdings noch viele Fragen, aber auch Möglichkeiten für die Psychologie und die Neurowissenschaften offen.

„Derzeit untersuchen wir bei Menschen mit Aphantasie das generelle Kognitionsprofil“, erklärt der Wissenschaftliche Mitarbeiter am Leibniz-Institut für Neurobiologie Magdeburg, Varg Königsmark. „Wir schauen uns beispielsweise an, inwiefern Betroffene Gesichter erkennen können oder auf denkungsgleiche oder nichtdeckungsgleiche Wort-Paare reagieren.“ Die Versuchspersonen seien, wie sich bei einem Experiment für sein Masterprojekt herausstellte, weniger anfällig für Pseudo-Halluzinationen bei farblich wechselndem, flackerndem Licht. Diese Studie führte der Masterabsolvent mit der Psychologin Dr. Reshanne Reeder, die mittlerweile in England weiterforscht, und Dr. Johanna Bergmann vom Max-Planck-Institut Leipzig durch. Varg Königsmark wollte in dieser Richtung weiterforschen: „Glücklicherweise traf ich auf Dr. Elena Azañón vom Leibniz-Institut hier in Magdeburg, die einen ihrer Forschungsschwerpunkte gerade auf Aphantasie richtet“, erzählt er. „Tatsächlich forschen in Deutschland recht wenige zu diesem Thema, was sich aber bald ändern könnte.“ Teil des Forschungsteams sind auch die Studentinnen Nadine Zscherper und Celine Jakel während ihrer Abschlussarbeiten. „Nach einem interessanten und inspirierenden Gespräch mit Elena habe ich mich für das Thema und ihre Forschungsgruppe entschieden“, so die Masterstudentin der Klinischen Neurowissenschaften, Nadine Zscherper. „Ich mag es, Teil eines Forschungsteams zu sein und das Phänomen Aphantasie war mir selbst vorher fremd und hat meine Neugier geweckt“, so die Studentin weiter.

Gemeinsam möchte das Team nicht nur das Phänomen an sich erklären, sondern auch darüber aufklären: „Menschen mit Aphantasie ist häufig gar nicht bewusst, dass sie zu dieser Gruppe gehören. Nachdem sie herausfinden, dass die Aphantasie haben, kommen teilweise Ratlosigkeit, Unsicherheit und Enttäuschung“, so Nadine Zscherper. „Umso wichtiger ist es, dass wir die Leute für dieses Phänomen sensibilisieren und miteinander darüber sprechen.“ Eine wichtige Rolle könnte das Thema auch in der Grundlagenforschung spielen, erklärt Varg Königsmark. So seien Halluzinationen oft Begleiterscheinungen verschiedener klinischer Störungen oder degenerativer Erkrankungen. Die Untersuchung der Aphantasie könnte Hinweise darauf geben, wie Vorstellung und Halluzinationen zusammenwirken. Daraus ließen sich Methoden für die Therapie dieser Erkrankungen ableiten. Zukünftig hofft der Doktorand auf viele Versuchspersonen für die Studie, um die Aphantasie noch besser erforschen zu können. Voraussetzungen sind eine fehlende oder nur sehr vage sensorische Vorstellungskraft, die zum Beispiel das Sehen, Hören aber auch Berührung oder Geschmack betreffen. Betroffene können entweder über die Facebook-Seite oder per Mail Kontakt herstellen und bei Interesse an der Studie teilnehmen. „Neben einem generellen Austausch zu Aphantasie fragen wir die Interessierten, ob sie sich vorstellen können, wiederkehrend an Experimenten teilzunehmen und wir ihre Kontakte in einer den Datenschutzrichtlinien entsprechenden Datenbank speichern dürfen“, sagt Varg Königsberg abschließend.