Prof. Labouvie (Foto: Harald Krieg / Uni Magdeburg)
02.02.2022 aus 
Forschung + Transfer
Hat Gewalt ein Geschlecht?

Kein Tag vergeht, an dem uns Medien nicht von Gewalttaten in verschiedensten Kontexten berichten: von staatlicher und institutioneller Gewalt, von häuslicher Gewalt. So gesellschaftlich relevant dieses Thema ist, so vielschichtig ist es auch. Das Verständnis von Gewalt wird in jeder Epoche neu ausgehandelt, sagt die Geschlechterforscherin und Historikerin Prof. Dr. Eva Labouvie. Doch wann beginnt Gewalt? Gibt es eine allgemeingültige Definition und: Hat Gewalt ein Geschlecht? Fragen, die Universitätssprecherin Katharina Vorwerk Professorin Labouvie anlässlich einer ungewöhnlichen internationalen Tagung zum Thema Geschlecht und Gewalt gestellt hat.

 

Frau Prof. Labouvie, wo beginnt Gewalt? Gibt es dafür eine Definition?

An einer Definition des Begriffs Gewalt hat man sich zu unterschiedlichen Zeiten und aus unterschiedlichen wissenschaftlichen Perspektiven immer wieder versucht. Mit dem Resultat, dass der Gewaltbegriff, wie bis vor kurzem in der Geschichts- und Politikwissenschaft, entweder zu eng oder, wie in den Sozial- und Kulturwissenschaften, zu weit gefasst wurde. Letztlich lassen all diese wissenschaftlichen, juristischen oder gesellschaftlichen Bemühungen erkennen, dass sich Gewaltphänomene wegen ihrer Vielschichtigkeit, aber auch, weil der Begriff „Gewalt“ und seine Bedeutungen stetem historischen Wandel unterworfen sind, nur multiperspektivisch und in ihrer Genese verstehen und analysieren lassen. Und genau das ist ja das Anliegen der Tagung „Geschlecht und Gewalt in Geschichte und Gegenwart“. Wir wollen erstmals Gewalt nicht nur über Fächergrenzen hinweg, sondern auch vor dem Hintergrund der jeweiligen Geschlechterordnung einer bestimmten Zeit thematisieren. Ein wesentliches Ziel der Tagung ist es damit auch, zur weiteren, mit einem umfassenden und geschlechtersensiblen Gewaltbegriff operierenden Forschung anzuregen.

 

Abgesehen von globalen Auseinandersetzungen und Kriegen, also einer offensichtlichen Gewalt, welche weiteren Dimensionen und Formen hat Gewalt?

Allein schon die wissenschaftliche Beschäftigung mit dem Phänomen Gewalt in den letzten zwei Jahrzehnten, aber auch die stete Präsenz von Gewalt in den Medien, verweisen nicht nur auf die gesamtgesellschaftliche Relevanz des Themas, sondern auch auf seine vielen Dimensionen. Sie reichen von Gewaltakten in Kriegen und politischen Konflikten, von Folterungen oder staatlichen Zwangsmaßnahmen, über Gewaltbeziehungen in Familien, sexuellen und sexualisierten Übergriffen, medialen Inszenierungen von Gewaltphänomenen, bis hin zu Gewalttaten vor dem Hintergrund von Ehre und Selbstjustiz oder der Animation zu Gewalt in Computerspielen. Man kann den Begriff Gewalt grob in physische, psychische, verbale, legitime und illegitime, erlaubte und verbotene, heroisierte und verpönte Gewalt unterscheiden, daneben in systematische, staatliche, institutionelle, geschlechts-, gruppen- oder zeitspezifische Gewaltformen. Darüber hinaus gibt es noch weitere, spezifisch fachwissenschaftliche Kategorien. Aber alle europäischen Staats- und Herrschaftsgebilde haben vom 16. Jahrhundert bis heute in ihren Regeln, Gesetzen, Vorschriften und mit Hilfe eines Systems aus Kriminalisierung, Disziplinierung, Degradierung, Belohnung und Bestrafung darüber entschieden, welche Formen der Gewalt ausgegrenzt und welche geduldet oder gar akzeptiert werden. In gesellschaftlichen Diskursen wird in jeder historischen Epoche – aktuell in der #Metoo-Debatte – ausgehandelt, wo die Grenzen zum Strafbaren oder Unzumutbaren liegen bzw. ob und wie diese Grenzen verschoben werden müssen. Das zeigt, dass auch Wahrnehmungen und Erfahrungen von Gewalt einem historisch-kulturellen Wandel unterliegen.

Person hält Zettel mit Aufschrift me too in die Kamera (c) Shutterstock : nitoIn jeder Epoche werden die Grenzen zum Strafbaren neu bewertet - wie aktuell in der #metoo-Debatte. (Foto: Shutterstock / nito)

Auf der Tagung sind Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler aus der Geschichts-, Politik- und Sexualwissenschaft, der Geschlechterforschung, Soziologie, Europäischen Ethnologie, Kriminalprävention, der Gesundheitsforschung, der Digitalen Philologie und Germanistik vertreten. Warum ist diese breite Aufstellung wichtig?

Ursachen und Folgen von Gewalt werden mittlerweile in unterschiedlichsten Fachdisziplinen diskutiert, mit den damit verbundenen unterschiedlichen methodischen Ansätzen und Schwerpunktsetzungen. Die Beschäftigung mit dem Phänomen Gewalt ist also zum einen durch disziplinabhängige Herangehensweisen geprägt, zum anderen existieren eine Reihe von Theorien zu Entstehung, Verbreitung, Akzeptanz und den Folgen von Gewalt. So kann etwa nach dem Verständnis der Soziologie Gewalt als eine Quelle der Macht verstanden werden, und es stehen die gesellschaftlichen Funktionen, Folgen und die Prävention von Gewalt im Fokus. Die Politikwissenschaft analysiert Gewalt vorzugsweise im Kontext der Staatsgewalt, beleuchtet dabei Grenzen und Formen legitimer wie strafbarer Machtausübung und diskutiert Prinzipien von Gegengewalt. In der Geschichtswissenschaft werden neben den Untersuchungen zu vor allem körperlicher Gewalt zunehmend Fragen nach dem Gewalt begleitenden emotionalen Kontext gestellt; in den juristischen und kriminologischen Wissenschaften wiederum nach den strafmindernden oder strafverschärfenden Begleitumständen von Gewalttaten. Die Tagung möchte erstmals das Potenzial dieser multiperspektivischen Zugänge zum Thema Gewalt in einem Forum bündeln. Unser Anliegen ist es aber zudem, erstmals fachübergreifend über jene Herangehensweisen zu diskutieren, die mit einem geschlechtersensiblen Gewaltbegriff arbeiten. Die Tagung begegnet damit zugleich dem noch immer ausgeprägten Gebrauch von Geschlechterstereotypen bei Forschungen zu Gewalt von der Vergangenheit bis zur Gegenwart und in der populären Diskussion über Gewaltphänomene.

 

Was unterscheidet die Wahrnehmung und Akzeptanz von Gewalt jeglicher Art heute von den Vorstellungen vor 500 oder 100 Jahren? Sind wir empfindlicher geworden?

Das glaube ich nicht. Ganz sicher haben sich aber die Bedeutungen und Wahrnehmungen von Gewalt in unserer westlich-demokratischen Welt verschoben. An die Mär vom finsteren Mittelalter und von der grausamen, gewalttätigen Vormoderne im Gegensatz zur zivilisierten und gewaltfreieren Postmoderne glaube ich als Historikerin und Forscherin zu Hexenprozessen, Kindsmord, Mord, Folter, verbaler Gewalt in Form von Verfluchungen oder Beleidigungen schon lange nicht mehr. Was sich sicherlich geändert hat, sind zum einen die Zugriffsmöglichkeiten und Zuständigkeiten des Staates sowie die staatliche Monopolisierung von Gewalt und zum anderen unsere Sensibilität für Gewalttaten und -formen jenseits der rein physischen Gewalt. Die „Veralltäglichung der Gewalt“ wie auch die Existenz von „Gewaltgemeinschaften“, die immer wieder für unsere postmodernen Verhältnisse betont werden, gab es schon in der Vergangenheit, und sie gibt es ebenso in der Gegenwart. Seit der Aufklärung im 18. Jahrhundert wurden allerdings mehr und mehr Gewaltakte mit einer monströsen oder pathologischen Grausamkeit verpönt, die auch heute skandalisiert oder als moderne Barbarei ausgegrenzt werden. Gerade zum Wandel der Einstellungen und zur Entwicklung des Umgangs mit Gewalt kann die geplante Tagung durch Längsschnittanalysen einen enormen Beitrag leisten.

 

Sind Gewalt und deren Wahrnehmung bzw. Akzeptanz kulturell verankert?

Davon ist auszugehen! Das zeigt allein schon ein Blick in die Kriegsberichterstattung der letzten 200 Jahre, in der Kriegsgewalt verherrlicht bis verdammt wurde. Das spiegelt sich aber auch wider im Wandel der Rechtsprechung zu Gewaltdelikten oder in der öffentlichen wie medialen Diskussion um #Metoo, einer Debatte, die es vor 20 oder 30 Jahren so nicht gegeben hätte, weil die gesellschaftliche, staatlich-politische und juristische Wahrnehmung und Akzeptanz sexualisierter Gewalt eine völlig andere war.

 

In Deutschland werden signifikant mehr Männer als Frauen wegen Gewaltdelikten verurteilt und auch häusliche Gewalt wird – zumindest der Wahrnehmung nach – meistens von Männern begangen. Hat Gewalt ein Geschlecht?

In allen sozial- und geisteswissenschaftlichen Disziplinen wurden Forschungen zu Gewalt zumeist ohne geschlechtsspezifische Perspektive durchgeführt. Aufgrund dieses Forschungsdefizits ging und geht man bis heute vielerorts in der gesamten sozial- und gesellschafts- wie kulturwissenschaftlichen Forschung von der aus dem 19. Jahrhundert stammenden populärwissenschaftlichen Ansicht aus, dass das Geschlecht der Gewalt männlich und ein Teil der männlichen Natur sei. Diese Zuordnung prägt auch aktuell unser Gewaltverständnis und unsere Einschätzungen zu geschlechtsspezifischen Gewaltphänomenen.

Erst in jüngerer Zeit setzte sich die Erkenntnis durch, dass die Konstruktion von Geschlecht und Gewalt einem historischen Wandel unterliegt. In der Geschichtswissenschaft war es die NS-Forschung, die mit der herkömmlichen Konstellation von männlichem Täter und weiblichem Opfer, vom gewalttätigen Mann und friedfertiger Frau brach und Frauen als Mittäterinnen und Täterinnen, etwa in den Konzentrationslagern oder im Bund Deutscher Mädel (BDM) ausmachte. Genderaspekte erwiesen sich ebenfalls als bedeutsame und hochrelevante Bedingungsfaktoren für die Ursachen, die Akzeptanz oder die Erscheinungsformen von rechts- oder linksextremistischer Gewalt, von Terrorismus, Polizeigewalt oder Rassismus. Formen, Funktionen und Folgen von Gewalt sind also nicht als feststehende Konstanten menschlichen – oder gar männlichen – Verhaltens zu verstehen, sondern als komplexe gesellschaftlich-historische Konstrukte, die Veränderungen unterliegen. Ganz wichtig erscheint mir vor allem die Verbindung zwischen der jeweiligen historischen Konstruktion von Männlichkeit oder Weiblichkeit und der für das jeweilige Geschlecht akzeptierten oder sogar legalisierten Gewalt.

Die Frage nach der Relevanz von Geschlecht hielt inzwischen auch Einzug in die öffentlichen Diskurse um die Ursachen von Gewalt. In biologistisch-psychologischen Theorien werden diese Unterschiede im kriminellen Verhalten für genetisch bedingt erklärt, und auf den ersten Blick scheinen Untersuchungen diese zweigeteilte Geschlechtsspezifik von Gewalt sogar zu bestätigen: Die alljährliche polizeiliche Kriminalstatistik zeigt eine deutliche Männerdominanz bei Gewalttaten und im Strafvollzug. Doch muss berücksichtigt werden, dass Statistiken zu Gewaltdelikten nur angezeigte Gewalttaten und Gewaltakteure spiegeln und oftmals den geschlechtsspezifisch zugeordneten Kategorien entgegenlaufende, vor allem tabuisierte und nicht angezeigte Gewaltformen, nicht erfassen. Es ist daher mehr als überfällig, den Blick gezielt über stereotype Zuschreibungen von männlichen Tätern und weiblichen Opfern und die bislang dominierende Zweigeschlechtlichkeit der Betrachtung hinaus zu erweitern.

Frau Prof. Labouvie, vielen Dank für das Gespräch!