Studierende bei einer Gruppenarbeit (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)
28.07.2022 aus 
Forschung + Transfer
Ausbildung zum Digital Native

Wie sieht idealerweise ein ganz normaler Ausbildungstag für unser Pflegepersonal in der Pflegeschule aus? Die Antwort fällt Prof. Dr. Astrid Seltrecht leicht: Die Auszubildenden haben sich selbstständig vor der Unterrichtsstunde auf der Lernplattform ihrer Ausbildungseinrichtung über einen fiktiven Patienten und seinen derzeitigen Gesundheitszustand informiert, haben Einsicht genommen in die digitale Pflegedokumentation, so wie sie in den Krankenhäusern vorkommt. Sie haben auf der Basis dieses Falles Arbeitsaufgaben zur Pflegeprozessplanung gelöst und hierbei auch gleich ihre Kompetenzen in der Nutzung einer digitalen Patientenakte weiterentwickelt. Ihre Ergebnisse stellen sie in einem Blog zur Diskussion. Hierfür stehen ihnen ein Laptop oder ein Tablet ihrer Praxiseinrichtung zur Verfügung. Im anschließenden Unterricht wird dann eine Fallkonferenz durchgeführt, in deren Mittelpunkt der Pflegeempfänger steht.

Soweit die Theorie, meint die Inhaberin der Professur Fachdidaktik Gesundheits- und Pflegewissenschaften an der Fakultät für Humanwissenschaften der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg. „Aber, ganz so weit sind wir dann doch noch nicht in unseren berufsbildenden Schulen. Wir haben, was den Einsatz digitaler Medien in der Aus- und Weiterbildung angehender Gesundheits- und Pflegefachkräfte angeht, oftmals erst die Kinderschuhe angezogen, aber es entwickelt sich.“ Doch auf die Implementierung, also die Einführung, und die Nutzung digitaler Technologien im Arbeitsalltag müssen künftige Gesundheits- und Pflegefachkräfte genau jetzt vorbereitet werden, sowohl während ihrer Ausbildung als auch anschließend im Berufsleben durch Fort- und Weiterbildungen. Dafür braucht es wiederum entsprechend ausgebildete Lehrkräfte an den berufsbildenden Schulen.

Doch inwieweit verfügen Lehrkräfte im Gesundheits- und Pflegebereich bereits über digitale Medienkompetenzen? In welchem Umfang müssen digitale Anwendungen im Unterricht für angehende Pflegekräfte in der universitären Lehre curricular verankert sein? Welche Faktoren begünstigen oder hemmen diese Lehr-Lern-Prozesse? Wie gelingt die digitale Transformation in der Ausbildung künftiger Lehrkräfte? Antworten auf diese Fragen sucht ein interdisziplinär aufgestelltes Team von Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg im Verbundprojekt „Digital Medical Care – Digitalisierungsprozesse in der Aus- und Weiterbildung im Gesundheits- und Pflegewesen“, kurz DiMediCa. Gefördert wird das Forschungsvorhaben vom Bundesministerium für Bildung und Forschung.

Pflegekräfte bei einer Besprechung am Krankenbett (c) Sarah Rinka UMMDPflegekräfte wie hier am Universitätsklinikum Magdeburg müssen in Aus- und Weiterbildung auf den Einsatz von digitalen Medien im Arbeitsalltag vorbereitet werden. (Foto: Sarah Rinka / UMMD)

„Unser Ziel ist es, multiperspektivisch zu betrachten, unter welchen Bedingungen sich digitale Medien überhaupt in die Aus- und Weiterbildung implementieren lassen und in welcher Art und Weise sie genutzt werden“, erläutert Professorin Seltrecht. Multiperspektivisch heißt, drei Teilprojekte nähern sich dem Thema sowohl aus struktureller als auch aus individueller Perspektive:

„Am Ende wird es konkrete Handlungsempfehlungen und Kriterien für die erfolgreiche Einführung und Nutzung digitaler Anwendungen im Unterricht an berufsbildenden Schulen, im Studium sowie in der Weiterbildung für Lehrkräfte an berufsbildenden Schulen geben“, fasst Verbundkoordinator Professor Bünning zusammen. Diese Leitlinien bringen die drei Projektteams gerade zu Papier, eine Veröffentlichung ist für die Mitte 2022 geplant.

Prof. Dr. Frank Bünning auf dem Campus der Uni Magdeburg (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgProf. Dr. Frank Bünning (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

„Für uns ist DiMediCa besonders interessant“, beschreibt Astrid Seltrecht, „weil das Projekt seit 2018 läuft und uns Corona mitten in den Erhebungszeitraum platzte. Aufgrund der Pandemie war es uns plötzlich möglich, die Implementierung digitaler Medien in der Aus- und Weiterbildung in Gesundheits- und Pflegeberufen nicht nur ganz allgemein zu untersuchen, sondern theoretisch und forschungsmethodisch gut vorbereitet jetzt zeithistorisch zu analysieren, wie sich Lehrkräfte, aber auch Auszubildende coronabedingt mit für sie neuen Formen digitaler Lehr- und Lernprozesse auseinandersetzen mussten. Für berufsbildende Schulen gab es durch die Umstellung von Präsenz- auf Online-Unterricht die Chance auf einen Digitalisierungsschub.“ Doch die Pandemie erschwerte natürlich auch die Arbeit der Forschenden. Für Professorin Seltrecht, die selbst immer „ins Feld geht“, sprich selbst Befragungen durchführt, um mit den Praktikerinnen und Praktikern ins Gespräch zu kommen, war das so wichtige Forschungsinstrument des qualitativen Interviews nicht mehr wie gewohnt nutzbar. Treffen von Angesicht zu Angesicht waren im Lockdown nicht möglich. Sie und ihr Team mussten auf digitale Tools umsteigen und auf technische Ausstattung und gute Internetverbindung beim jeweiligen Interviewpartner hoffen. Die guten Kontakte zu den Kooperations- und Praxispartnern jedoch waren belastbar und halfen, viele Interviews doch noch zu führen, Daten zu erheben, Statistiken zu ergänzen.

Sie hatte bei ihren Befragungen der Auszubildenden und Lehrkräfte un-ter anderem die sogenannte Selbstwirksamkeitserwartung, bezogen auf Computer, im Blick. Sie wollte herausfinden, wie viel sich ihre Gesprächspartnerinnen und -partner am Computer zutrauen. Diese Selbstwirksamkeit sei ein wichtiger Indikator dafür, inwieweit digitale Kompetenzen ausgebildet seien, erläutert Seltrecht. Je größer das Zutrauen bei den angehenden Gesundheits- und Pflegefachkräften ist, beispielsweise im Unterricht Neues am Computer auszuprobieren, Apps zu installieren, Sicherheitseinstellungen zu überprüfen, eigene Daten zu schützen, desto leichter wird es ihnen später fallen, digitale Technologien im Klinik- und Pflegealltag zu nutzen, verantwortungsbewusst mit Patientendaten umzugehen, modernste Geräte zu bedienen. Dieser direkte Zusammenhang zwischen dem Sich-etwas-Zutrauen im beruflichen Alltag und der Nutzung digitaler Medien im Unterricht sei den Lehrkräften oft noch nicht bewusst, kritisiert die Wissenschaftlerin. „Wir müssen sie stärker dafür sensibilisieren, welche Vorteile gutes E-Learning für die Ausbildung beruflicher Handlungskompetenz bringt. Denn der Einsatz digitaler Medien im Unterricht bedeutet nicht nur eine Verlagerung von Lehr-Lern-Prozessen von der grünen Tafel aufs Tablet oder vom Klassenraum an den heimischen Schreibtisch, sondern muss als Chance begriffen werden, die computerbezogene Selbstwirksamkeit zu steigern und entscheidende Sicherheiten im Umgang mit den Medien zu vermitteln, um dann wiederum die Schülerinnen und Schüler auf die Nutzung digitaler Technologien in ihrem künftigen Berufsfeld vorbereiten zu können. Die Kombination von computergestütztem Lernen und klassischem Unterricht, das sogenannte ‚blended learning‘, befähigt gleichzeitig zu diszipliniertem Lernen und zur Übernahme von Verantwortung für das eigene Fortkommen“, bekräftigt Professorin Seltrecht.

Prof. Dr. Astrid Seltrecht auf dem Campus der Uni Magdeburg (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgProf. Dr. Astrid Seltrecht (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Gestärkt werde das eigene Zutrauen in die digitalen Technologien noch durch einen weiteren Aspekt: den persönlichen Besitz der Hardware, also des eigenen Smartphones, des eigenen Tablets, des eigenen Laptops. Deshalb, kommt die Wissenschaftlerin zu dem Schluss, sollten die Schulen diese Geräte noch viel bewusster einsetzen. Eine Pflegeschule verfolge da bereits ein ganz pfiffiges Konzept, erzählt Astrid Seltrecht: Sie schließe einen Ausbildungsvertrag nur dann mit den Schülerinnen und Schülern, wenn ihnen ihre Ausbildungseinrichtung oder -klinik ein eigenes Tablet zur Verfügung stelle.

Und sie berichtet von einer Erkenntnis, zu der alle drei Teilprojekte unabhängig voneinander führten: Die in der Literatur getroffene Unterscheidung von Digital Natives und Digital Immigrants trage nicht mehr. Astrid Seltrecht unterscheidet zwischen „Formal Digital Natives“ und „Informal Digital Natives“. Informal Digital Natives sind jene, die in eine digitalisierte Welt hineingeboren wurden und sich digitales Wissen en passant, quasi im Vorbeigehen, angeeignet haben. Formal Digital Natives beschreibt die nächste Generation der Digital Natives, nämlich diejenigen, die ab 2018 eingeschult wurden und ihre digitalen Kompetenzen nach Vorgaben der Kultusministerkonferenz (KMK) in sechs Kompetenzbereichen formal, also im Unterricht, erwerben werden. Diese Kohorte wird für eine Übergangszeit noch von Lehrenden unterrichtet, die sich quasi als Quereinsteiger ihre digitalen Kompetenzen nicht selten selbst angeeignet haben. Auch für diese Gruppe der „digitalen Quereinsteiger“ sind Ausbildungslösungen zu erarbeiten.

In Deutschland sind nach Angaben der Bundesregierung über 40.000 Stellen in Pflegeeinrichtungen nicht besetzt, ist der Fachkräftemangel Alltag. Deshalb werben Krankenhäuser und Pflegeeinrichtungen, Praxen und Ausbildungsschulen mit Flyern und Broschüren oder auf Webseiten und in sozialen Netzwerken für eine Ausbildung im Gesundheits- und Pflegebereich. Prof. Dr. Frank Bünning und sein Team haben sich neben der qualitativen Erhebung mittels Interviews vor allem auch der in solchen Werbematerialien verwendeten Bilder, Grafiken und Fotos zugewandt und sie mittels Bildinterpretation methodisch kontrolliert analysiert. Die Ergebnisse waren ernüchternd, fasst Berufspädagoge Bünning zusammen, denn sie zeigten, dass Digitalisierung nur wenig vorgelebt werde. Digitale Visitenwagen oder Bildschirme waren das höchste der Gefühle, das in Szene gesetzt werde. Um dem Fachkräftemangel in den Gesundheits- und Pflegeberufen entgegenzuwirken und den Nachwuchs anzusprechen und neugierig auf innovative Berufsfelder zu machen, muss eine zielgruppengerechtere Ansprache erfolgen. Dazu zählt eine moderne Internetpräsenz mit attraktivem und realistischem Informationsmaterial sowie der Kommunikationsansatz des Peer-to-Peer-Konzepts. „Das Projekt DiMediCa“, unterstreicht Frank Bünning, „untersucht diese und weitere Zusammenhänge im Verbundprojekt und wird sie wiederum miteinander ins Verhältnis setzen. Das Projekt hat sich aber selbst auch durch die coronabedingte erschwerte Datenerhebung mit digitalen Möglichkeiten der Datenerhebung auseinandersetzen müssen und so über die Projektziele hinaus einen Beitrag zur Entwicklung der Forschungsmethoden geleistet.“

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Autor:in: Ines Perl
Quelle: GUERICKE ´21