Stellen Sie sich einmal vor, Sie schaffen es, in unter zehn Minuten tausende Buchseiten zu lesen und das gesamte Internet zu erfassen. Sie k��nnen sich ��ber 500 Gegenst��nde in einem Raum merken oder ��� einfach��� die Sprache Mandarin mit all ihren Facetten lernen, in nur einer Stunde. Zu allem ist Lucy im gleichnamigen Science-Fiction-Film mit Schauspielerin Scarlett Johansson in der Lage. Weil sie im Gegensatz zu allen anderen Menschen, selbst den kl��gsten auf diesem Planeten, ein Vielfaches ��ber der normalen Gehirnkapazit��t nutzen kann. Eine ��berdosis einer synthetischen Droge f��hrt zu dieser Bewusstseinserweiterung von Lucy. Ihre Gehirnkapazit��t w��chst mit jeder Stunde und mit ihr verschwindet die Grenze des bisher menschlich M��glichen.
Der Film befasst sich Hollywood-like mit einer durchaus spannenden Frage: Wozu ist das menschliche Gehirn in der Lage? Und geht da noch etwas mehr? Die Antwort darauf wollen Prof. Dr. med. Emrah D��zel, Leiter des Instituts f��r Kognitive Neurologie und Demenzforschung der Otto-von-Guericke-Universit��t Magdeburg, und Dr. Michael R. Kreutz, Arbeitsgruppenleiter f��r Neuroplastizit��t am Leibniz-Institut f��r Neurobiologie Magdeburg (LIN), gemeinsam mit weiteren 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern am Standort Magdeburg im Sonderforschungsbereich SFB 1436 ���Neuronale Ressourcen der Kognition��� geben. Ohne Drogen und weniger actionreich, daf��r aber in ��ber 22 Projekten mit jeder Menge Hightech-Ger��ten und aufgrund der Beteiligung unterschiedlichster Fachrichtungen wie Biologie, Biochemie, Psychologie, Physik, Pharmakologie und Medizin interdisziplin��r. ���Wir wollen herausfinden, welches Potenzial das menschliche Gehirn hat und welche neurobiologischen Prinzipien uns daran hindern, die kognitiven F��higkeiten zu erweitern bzw. voll auszusch��pfen���, erkl��rt Prof. Dr. Emrah D��zel. Im Zentrum steht dabei die Erkl��rung der beiden Ph��nomene, wie Leistungsverbesserungen unterschiedlichsten Anforderungen gerecht werden und universell eingesetzt werden k��nnen ��� Transfer genannt ��� und wann sie auf Kosten anderer F��higkeit gehen ��� ein Trade-off.
Dr. Michael R. Kreutz erkl��rt, man k��nne sich das lebenslange Lernen wie den st��ndigen Umbau eines Hauses oder ganzer St��dte anstelle von Synapsen und Neuronen vorstellen: St��ndig k��men neue H��user, neue R��ume hinzu, werden neu eingerichtet oder einfach wieder abgerissen, weil sie nicht mehr gebraucht werden. ���Die spannende Frage ist, welche Ursachen es daf��r gibt, vorhandene Informationen entweder mit neuen zu verkn��pfen oder zu ��berschreiben.��� Ihr Forschungsfeld also: Die Milliarden von Verbindungen im Gehirn, Synapsen genannt, die uns Menschen zu dem machen, was wir sind. Immerhin haben wir es bis dato trotz scheinbarer kognitiver Leistungsgrenzen geschafft, Megast��dte zu erbauen, das Internet zu entwickeln oder in den Weltraum zu fliegen.
Auf zw��lf Jahre ist die Forschung in diesem Bereich angelegt, 14 Millionen Euro stellt die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) daf��r in der ersten F��rderperiode zur Verf��gung, beteiligt sind auch
- die Freie Universit��t Berlin,
- die Charit�� Universit��tsmedizin Berlin und
- die Universit��ten D��sseldorf, Heidelberg und G��ttingen.
Am Ende wollen die Wissenschaftler verschiedene ��berpr��fbare Theorien zur Leistungsgrenze des menschlichen Gehirns entwickelt und Methoden zur Leistungssteigerung beschrieben haben. Es w��re nicht nur in der Wissenschaftswelt eine Sensation. Von dieser Arbeit und den zu erwartenden Ergebnissen kann die gesamte Menschheit profitieren. ���Das eigene Potenzial voll aussch��pfen zu k��nnen, ist wichtig f��r ein erfolgreiches Leben und sollte jedem m��glich gemacht werden���, erkl��rt der molekulare Neurobiologe Dr. Michael R. Kreutz, der fr��her am renommierten Massachusetts Institute of Technology (MIT) in Boston arbeitete und seit 1993 in Magdeburg forscht. Er blickt allerdings schon viel weiter: ���Wir werden in 20, 30 Jahren ein ganz anderes Verst��ndnis von den Prozessen und Leistungsgrenzen im Gehirn haben als jetzt.��� Prof. Dr. Emrah D��zel erg��nzt mit Blick auf seine Demenzforschung, die Erkenntnisse seien auch f��r ein gesundes Altern wesentlich. ���Die molekularen Ver��nderungen der Alzheimer-Erkrankung gehen einer Demenz bis zu 20 Jahre voraus. Es gibt interindividuelle Unterschiede wie Menschen kognitive Leistungsf��higkeit trotz dieser Ver��nderungen lange aufrechterhalten k��nnen. Die Mechanismen dieser Reserve und deren Mobilisierung wollen wir verstehen.���
Um zu ��berpr��fbaren Theorien zu gelangen, m��ssen die Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler zun��chst jedoch die grundlegenden Prozesse der Plastizit��t und Leistungsmobilisierung im Gehirn verstehen. ���Wir k��nnen zwar plastische Ver��nderungen w��hrend eines Lernprozesses in bestimmten Gehirnregionen sichtbar machen. Die genauen Mechanismen dahinter umfassend und systematisch zu untersuchen, das gelingt uns aktuell noch nicht���, erkl��rt der Neurowissenschaftler Prof. Dr. Emrah D��zel. Noch nicht. Denn, wenn es Forschenden in Deutschland gelingen kann, dieses Neuland zu betreten, dann wohl den Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern der Universit��t Magdeburg zusammen mit denen der au��eruniversit��ren Einrichtungen des Leibniz-Instituts f��r Neurobiologie Magdeburg (LIN) und des Deutschen Zentrums f��r Neurodegenerative Erkrankungen e. V. (DZNE). Anders als an anderen Universit��ten in Deutschland stimmen die Rahmenbedingungen. Neben der neurowissenschaftlichen Expertise f��r Prozesse auf verschiedenen Ebenen im Gehirn - der zellul��ren, der synaptischen sowie der physiologischen - k��nnen die Wissenschaftler auf die notwendigen Schl��sseltechnologien zur��ckgreifen, die sowohl bereits f��r die tierexperimentelle Forschung als auch f��r die humanexperimentelle Forschung am Standort genutzt werden.
Dr. Michael R. Kreutz (li.) und Prof. Dr. Emrah Du��zel (re.) vor dem MR-PET-System des DZNE (Foto: Hannah Theile / Uni Magdeburg)
Eine entscheidende Rolle spielen dabei auch leistungsstarke Hochleistungsmagnetresonanztomographen (MRT), wie das 7-Tesla-MRT und demn��chst das weltweit erste 7-Tesla-Konnektom-MRT. Damit kann die innerste Architektur des Gehirns und dessen Plastizit��t beim Menschen mit nie dagewesener Aufl��sung erfasst werden. Dar��ber hinaus erlaubt hochaufl��sende Mikroskopie Einblicke in die Nanowelt von Synapsen und ein Forschungszyklotron mit einem Positronen-Emissionstomographen (PET) die Darstellung molekularer Prozesse im menschlichen Gehirn. ���Die Universit��t in Magdeburg ist in diesen f��r unsere Forschung notwendigen Bereichen sehr gut aufgestellt���, sagt Prof. Dr. Emrah D��zel, der seit 2011 Standortsprecher des Deutschen Zentrums f��r Neurodegenerative Erkrankungen in Magdeburg ist. Der 53-J��hrige befasst sich seit Jahrzehnten mit der Anatomie des Gehirns sowie mit dessen Ver��nderungen im Alter. Daf��r entwickelte er unter anderem verschiedene Bildgebungsmethoden.
Dank der Kombination von molekularen, optogenetischen, elektrophysiologischen sowie hochaufl��senden mikroskopischen Verfahren k��nnen die Wissenschaftler Ged��chtnisspuren ��ber die verschiedenen kortikalen Schichten des gesamten Gehirns verfolgen und damit als Schaltkreise visualisieren. ���Unser Verst��ndnis kognitiver Prozesse ist in den vergangenen Jahren enorm gewachsen. Wir wissen mittlerweile, dass es Elementarprozesse gibt, wo diese genau ablaufen und in welche Richtung���, erkl��rt Prof. Dr. Emrah D��zel, der seit 2007 auch Professor f��r Kognitive Neurowissenschaften am University College in London ist. Dr. Michael Kreutz erg��nzt: ���Wir suchen nicht mehr die Nadel im Heuhaufen. Wir sind schon viel weiter.��� Kognition steht f��r die Gesamtheit aller geistigen Prozesse, insbesondere der Informationsverarbeitung.
Wie kommt die Maus zum Futter?
Der Erkenntnisgewinn basiert auch auf den tierexperimentellen Arbeiten des Synapsenforschers in Magdeburg. ���Mit dieser Aufl��sung bei bildgebenden Verfahren k��nnen wir nur bei M��usen arbeiten���, sagt Dr. Kreutz. Daf��r werden den Versuchstieren unter anderem Elektroden implantiert, ��ber welche die Aktivit��t von Nervenzellen in verschiedenen Hirnregionen gemessen werden. In der Verbindung mit genetischen Methoden und molekularer Bildgebung k��nnen die Wissenschaftler sehen, welche Neurone und welche Synapsen im Gehirn aktiv sind, wenn eine Maus etwa vor einem bekannten und einem unbekannten Bauklotz hockt oder welche Regionen aktiv sind, wenn die Tiere einen bestimmten Weg suchen m��ssen, um zum Futter zu gelangen.
Vor allem die Verarbeitung ra��umlicher Informationen bei der Geda��chtnisbildung ist zwischen Maus und Mensch vergleichbar (Foto: Jana Du��nnhaupt / Uni Magdeburg)
Das Besondere bei den Experimenten: Den beiden Wissenschaftlern ist es gelungen, ablaufende Prozesse im Gehirn auf unterschiedlichen Ebenen mit Hilfe von verschiedenen Ans��tzen miteinander zu verkn��pfen. Dr. Michael Kreutz spricht von einer ���Verbindung zwischen synaptischer und physiologischer Engrammbildung auf mesoskopischer Ebene zu makroskopischen Prozessen". Damit wiederum sei es m��glich, die Erkenntnisse f��r den Menschen zu ��bersetzen. ���Das ist sonst nicht so einfach m��glich." Als Engramm wird eine dauernde auch strukturelle Ver��nderung des Gehirns nach einer Reizeinwirkung bezeichnet. ���Die Gesamtheit aller Engramme stellt das Ged��chtnis dar.��� Es handelt sich um einige Milliarden.
W��hrend der Experimente mit den M��usen ��ndern die Wissenschaftler immer wieder auch die Umweltbedingungen wie T��ne oder Licht sowie die physiologischen Einfl��sse. Ein zentraler Untersuchungsgegenstand ist beispielsweise der Einfluss des Anti-Aging-Hormons Klotho, das vor allem in der Niere produziert wird und das massive Effekte auf die kognitiven F��higkeiten hat. ���Ohne das Hormon wird der Alterungsprozess beschleunigt. Wir versuchen zu verstehen, welche zellul��ren Mechanismen daf��r verantwortlich sind���, erkl��rt der 60-J��hrige. Die Wissenschaftler wollen verstehen, inwiefern die Gabe von Klotho auch die Leistungsf��higkeit verbessern kann, ob es zu einem Transfer oder zu einem Trade-off gef��hrt hat.
Die damit verbundenen ��nderungen der Plastizit��t des Gehirns sind wesentlich f��r Altersforschung, denn so k��nnen bestehende Defizite lange vor einer neurologischen Krankheit behandelt werden. F��r die Diagnostik nutzen die Wissenschaftler einen speziellen Hirnscanner, ein sogenanntes MR-PET-Ger��t, welches gleichzeitig molekulare und funktionelle Prozesse im Gehirn messen kann und dar��ber hinaus eindrucksvolle Aufnahmen des Gehirns liefert. ���Wenn wir bei kognitiv gesunden Menschen bereits bestimmte Tau- und Amyloid-Ablagerungen finden, ist das ein typisches Anzeichen f��r eine sehr fr��he Phase der Alzheimer-Erkrankung���, sagt Prof. Dr. Emrah D��zel. Dieses Ph��nomen soll deutschlandweit erstmals mit Unterst��tzung der Stadt Magdeburg im Rahmen einer gro��en Versuchsgruppe von Seniorinnen und Senioren der Elbestadt ��ber Jahre und unter Anwendung verschiedener Reize ��� ��hnlich wie bei den M��usen ��� weiter untersucht werden, um zus��tzliche Ans��tze f��r eine Behandlung zu beschreiben. ���Wir wollen wissen, warum es sogenannte Super-Ager gibt und wie diese es schaffen, auch mit 80 Jahren noch eine Ged��chtnisleistung von 50-J��hrigen zu haben und wie es Menschen gelingt, trotz Alzheimerver��nderungen kognitiv leistungsf��hig zu sein.���
Die Verkn��pfung von synaptischen Verbindungen ��ndert sich beim Lernen und synaptische Plastizit��t ist eine zentrale neuronale Ressource f��r die kognitive Leistung. Moderne bildgebende Verfahren machen solche plastischen Ver��nderungen sichtbar. (Foto: Jana D��nnhaupt / Uni Magdeburg)
Ein hohes Alter ist Lucy aus dem gleichnamigen Film ��brigens nicht verg��nnt, zumindest darf man nach menschlichem Ermessen den Eindruck erlangen. Denn ihre Zellen verschmelzen nach einer kurzen, aber intensiven Odyssee am Ende mit einem Computer einer Forschungseinrichtung in Paris. W��hrend drau��en Sch��sse fallen, springt sie - kurz davor, 100 Prozent ihrer Gehirnleistung nutzen zu k��nnen -, durch Raum und Zeit, von der Moderne in die Kreide-Zeit vor Millionen von Jahren und wieder zur��ck. Kurz bevor eine Kugel ihren Kopf trifft, verschwindet ihr menschliches Antlitz. Die Frage nach ihrem Verbleib beantwortet eine Textnachricht auf einem Handy: ���Ich bin ��berall."
Guericke facts
- Insgesamt messen unsere Nervenbahnen 5,8 Millionen Kilometer ��� damit k��nnte die Erde 145 Mal umspannt werden.
- Mit 270 Kilometern pro Stunde rasen Nervenimpulse zum Gehirn hin und vom Gehirn wieder weg.
- Der weltweit h��chstaufgel��ste Gehirnscan eines lebenden Menschen wurde 2017 von Wissenschaftlern und Wissenschaftlerinnen der Uni Magdeburg aufgenommen.
- Das menschliche Gehirn macht nur etwa 2 Prozent des K��rpergewichts aus, ist aber f��r fast 20 Prozent unseres Energieverbrauchs verantwortlich.