Der Kanzler der Uni Magdeburg Dr. Wadzack im Gespräch mit Pressesprecherin Katharina Vorwerk vor einer Baustelle auf dem Campus (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)
10.05.2022 aus 
Campus + Stadt
So will die Uni Magdeburg klimaneutral werden

32 Gebäude stehen auf dem Campus am Universitätsplatz, die über kilometerlange Leitungen 24/7 geheizt, gekühlt, mit Warmwasser und Strom versorgt werden müssen. Inzwischen veraltet, kann diese Infrastruktur keine sichere, wirtschaftliche, aber vor allem nachhaltige und emissionsarme Versorgung des Campus mehr gewährleisten. Das Energiekonzept 2020 soll nun Abhilfe schaffen und uns zukunftsfest machen. Stehen künftig Kleinwindkraftanlagen auf dem Campus? Katharina Vorwerk hat sich mit dem Kanzler Dr. Jörg Wadzack getroffen und über diese und andere Baustellen gesprochen.

Dutzende Hörsäle, unzählige Labore und Forschungshallen, ein großes Rechenzentrum, die Bibliothek, Sporthallen – wie groß ist der Energiehunger der Uni Magdeburg?

Pro Tag verbrauchen wir durchschnittlich 42.500 Kilowattstunden Wärmeenergie, 46.500 Kilowattstunden Elektroenergie und 112.328 Liter Wasser, soviel wie eine mittlere Kleinstadt. Die Kosten dafür liegen zwischen rund 4.000 Euro für Wärmeenergie, 9.000 Euro für Elektroenergie und 600 Euro für Wasser und Abwasser pro Tag. Trotz des Flächenzuwachses um 5 Prozent durch Neubauten und trotz eines gestiegenen Kältebedarfs durch eine wachsende IT-Infrastruktur, haben wir den Energieverbrauch in den letzten Jahren durch energiesparende Maßnahmen weitestgehend konstant halten können. Aber in diesem Jahr werden sich die Betriebskosten aufgrund der dramatisch gestiegenen Gas- und Strompreise auf rund 7,5 Millionen Euro erhöhen.

Was sind die Herausforderungen bei der Versorgung der Universität?

Die verschiedenen Energiearten Elektro, Wärme und Kälte wirtschaftlich und effizient am Campus bereitzustellen, zu verteilen und rund um die Uhr sicherzustellen, ist alles andere als trivial. Wärme und Strom beziehen wir von regionalen Anbietern und bringen sie über die vorhandenen Leitungsnetzte an den Ort des Bedarfs. Die besondere Herausforderung liegt klar in der Bereitstellung von Kälteenergie, die wir – relativ ineffizient – mit eingekaufter Elektroenergie mittels Kompressionskältemaschinen auf dem Campus gewinnen. Der Kältebedarf hat sich in den vergangenen 10 Jahren von 2 auf 4,5 Megawatt mehr als verdoppelt. Durch den coronabedingt gestiegenen Einsatz von IT- und Rechentechnik ist der Bedarf weiter gewachsen. Auch die Forschung erfordert eine stabile Netzwerkinfrastruktur mit einem hohen Datendurchsatz. Alles Herausforderungen, auf die sich die Uni mit einem neuen Energiekonzept vorbereitet hat.

Die ältesten Gebäude auf dem Campus, wie das Rektoratsgebäude, stammen von 1904, das 5 Kilomater lange Wärmeversorgungsnetz ist von 1954. Führt das zu Energieverlusten?

Ja, zweifellos. Betriebstechnische Anlagen haben eine theoretische Lebensdauer von rund 15 Jahren. Das heißt, wir rüsten die Betriebstechnik alle 15 bis 20 Jahre auf den aktuellen Stand auf und installieren energieeffizientere Systeme. Durch die enorme technische Entwicklung im Energiebereich erscheinen einige Bereiche vielleicht marode, zum Beschaffungszeitpunkt aber entsprachen sie dem Stand der Technik. Das Dezernat Technik und Bauplanung erfasst kontinuierlich den Energieverbrauch aller Gebäude und weist die Daten im jährlichen Energiebericht auf unserem Energieportal aus, sodass wir eine sehr genaue Kenntnis unseres Energiebedarfs haben. Den höchsten Energieverbrauch hat demnach das Laborgebäude 16, nicht zuletzt wegen alter, nicht regelbarer Steuerungstechnik.

Welche Gegenmaßnahmen hat die Uni bisher ergriffen?

Seit über zehn Jahren beschäftigen wir uns mit der Frage einer zukunftsfähigen, nachhaltigen und klimafreundlichen Energieversorgung. 2014 haben wir damit begonnen, den Energiebedarf teilweise aus eigenen bzw. gepachteten Blockheizkraftwerken zu beziehen. Durch die effiziente Kopplung von Wärme- und Stromgewinnung aus den BHKW wurde der Einkauf dieser Energiearten deutlich reduziert. 2016 haben wir mit einer umfassenden Analyse und Konzeption möglicher integrierter Energieversorgungsszenarien der Universität begonnen. Ergebnis dieser Überlegungen war das Energiekonzept 2020, dessen Umsetzung bereits östlich der Pfälzer Straße begonnen hat.

Der Kanzler der Uni Magdeburg Dr. Wadzack im Gespräch mit Pressesprecherin Katharina Vorwerk vor einer Baustelle auf dem Campus (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgDer Kanzler der Uni Magdeburg, Dr. Jörg Wadzack im Gespräch mit Pressesprecherin, Katharina Vorwerk vor einer Baustelle auf dem Campus (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Was sind die Eckpunkte des Konzepts?

Unser Ziel ist eine effiziente und ökologisch nachhaltige Energieversorgung des Campus. Dafür muss die Energieversorgung der Universität drei Prämissen genügen:

Durch die bedarfsgerechte Kopplung der Erzeugung bzw. Bereitstellung unserer Strom-, Wärme- und Kälteenergie wird sich der CO2-Ausstoß rechnerisch um 20 Prozent reduzieren.

Sowohl ein Landtagsbeschluss als auch das 2010 verabschiedete Energie- und Klimaschutzkonzept der Bundesregierung geben einen gewissen Anteil an erneuerbaren Energien für uns vor. Stehen hier bald Holzpelletöfen oder Kleinwindräder?

Dem Energiekonzept 2020 ist eine umfangreiche Analyse der energetischen Möglichkeiten für den Standort vorausgegangen, in der die genannten Energiegewinnungsverfahren sowie weitere wie Geothermie und Photovoltaik untersucht wurden. Unter Berücksichtigung der oben genannten Prämissen mussten die meisten „alternativen“ Energiequellen verworfen werden. Ein Anteil an Photovoltaik ist Bestandteil des Konzepts. Den größten energetischen Effekt erreichen wir mit dem Energiekonzept 2020 jedoch durch die Kopplung der Wärme- und Kälteenergieerzeugung in einer zentralen Versorgungsanlage, über die der gesamte Campus Universitätsplatz über die Leitungsnetze versorgt wird. Aktuell hat das Land für die Jahre 2022 und 2023 einen Stromliefervertrag abgeschlossen, der uns mit 100 Prozent Ökostrom versorgt.

Wie groß ist das Einsparpotenzial für den Energieverbrauch?

Die errechneten Einsparungen für Energie beliefen sich vor den aktuellen Preissteigerungen auf ca. 1 Million Euro pro Jahr. Auch könnten wir künftig verstärkt Wärmeenergie als Nebenprodukt unserer Hochleistungsrechner optimal einsetzen. Das erfordert aber eine Zentralisierung der Hochleistungsrechner und deren Anbindung an die Kälteabsorption der neuen Energiezentrale. Beim Neubau des Gebäudes 01 wird eine Nutzung der Abwärme der Rechentechnik bereits mitgedacht. Neben der rein finanziellen Betrachtung bewegen wir uns mit dem Energiekonzept 2020 deutlich in Richtung einer ökologischeren, nachhaltigeren Versorgung, die jedoch nicht zum Nulltarif zu bekommen ist.

Was sind die logistischen Herausforderungen bei der Umsetzung des Energiekonzeptes?

Da der Umbau der Energieversorgung bei laufendem Universitätsbetrieb erfolgt, ist die größte Herausforderung die Erstellung eines Logistikkonzepts, das Flucht- und Rettungswege für die Feuerwehr sicherstellt, damit ein ungefährdeter Betrieb und die Sicherheit aller Studierenden und Beschäftigen gewährleistet werden kann. Des Weiteren muss der Zugang zu den Gebäuden und die Straßen- und Gehwegnutzung auf dem Campus dem kontinuierlichen Baufortschritt angepasst werden. Provisorien werden die Energieversorgung der Gebäude temporär sicherstellen. All diese Punkte werden im jeweils aktuellen Baufortschritt ergänzt, erweitert, angepasst und veröff entlicht. Aber die Umsetzung des Energiekonzepts wird, trotz aller Anstrengungen, wohl nicht ohne Einschränkungen für die Studierenden und die Beschäftigten möglich sein.

Hinweisschild für Feuerwehrzufahrt auf dem Campus der Uni Magdeburg (c) Jana Dünnhaupt Uni MagdeburgBeim Umbau müssen die Flucht- und Rettungswege für die Feuerwehr sicherstellt sein. (Foto: Jana Dünnhaupt / Uni Magdeburg)

Die Forschung zu autonomer Mobilität, Internet der Dinge, künstlicher Intelligenz oder der 5G-Standard erfordert eine stabile Netzwerkinfrastruktur. Sind wir darauf vorbereitet?

Die Uni Magdeburg hat einen leistungsfähigen und redundanten Datenanschluss an das Deutsche Forschungsnetz DFN, den wir in den vergangenen Jahren auch noch ausgebaut haben, sodass es auch in den Hochphasen der Pandemie zu keinen Versorgungsengpässen gekommen ist. Gleichzeitig sind die Netzwerkleitungen innerhalb des Campus, also die Verbindung der Gebäude untereinander und mit dem Rechenzentrum, für die modernen Bedarfe einer digitalisierten Universität inzwischen unterdimensioniert. Daher werden wir im Zusammenhang mit den Baumaßnahmen zum Energiekonzept 2020 jedes Gebäude mit neuen, redundant ausgelegten Glasfaserkabeln für die Datenübertragung anbinden, sodass zukünftig auch der Datentransfer innerhalb des Campus nahezu unlimitiert erfolgen kann.

Wird die Universität Magdeburg bald klimaneutral?

Ich sehe einer CO2-Neutralität für die Energieversorgung der OVGU positiv entgegen. Die größeren Herausforderungen erwarte ich aber beim Thema Mobilität. In der Frage, wie wir unseren Anfahrtsweg zur Uni oder unsere Dienstreisen organisieren, liegt aus meiner Sicht noch ein sehr großes Potenzial auf dem Weg zu einer nachhaltigen, klimaneutralen Universität.

Herr Dr. Wadzack, vielen Dank für das Gespräch!

 

So will die Uni Magdeburg Energie sparen

Endende Lieferverträgen sowie ein marodes Nahwärmenetz auf dem Campus verlangen ein neues Energiekonzept für hohe Versorgungssicherheit und einen betriebswirtschaftlich tragfähigen, ökologischen Unibetrieb. Das Energiekonzept 2020 sieht für die Uni Magdeburg vor, benötigte Wärme, Kälte und Strom in einer Zentralen Versorgungsanlage (VZA) zu produzieren und über Leitungsnetze auf die Gebäude bedarfsgerecht zu verteilen. Die ZVA im Fuhrpark kann sukzessive auf klimaneutrale primäre Energieträger umgestellt werden. Die 21-Millionen-Baumaßnahme setzt die Universität als Pilotprojekt in Eigenregie um. Zum Ende 2024 sollen so pro Jahr 900.000 Euro Energiekosten sowie 2.590 Tonnen der aktuellen CO2-Emissionen eingespart werden.

Autor:in: Katharina Vorwerk
Quelle: uni:report Wintersemester 2021/22