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05.05.2025 aus
Forschung + Transfer
Mit Mikrowellen zur Energiewende

Klimawandel, Kriege, Rohstoffknappheit, Unsicherheit politischer Entscheidungen, Handelsspannungen Die Liste globaler Herausforderungen, vor denen die Menschheit derzeit steht, ist lang. Sie alle hinterlassen Spuren in Industrie, Wirtschaft und auch der Forschung. Forschung und die Entwicklung innovativer neuer Produktionsprozesse wird stark durch die Krisen getrieben, sagt Dr.-Ing. Nicole Vorhauer-Huget vom Institut fr Verfahrenstechnik an der Otto-von-Guericke-Universitt Magdeburg. Nicht nur Ressourcen-Knappheit, sondern auch Anforderungen die durch den Klimawandel bedingt sind, stellen groe Herausforderungen fr viele Industriebranchen dar. Was kann die Industrie tun, um noch strker auf die Klimaziele einzuzahlen? Wie kann die Forschung dabei untersttzen? Ein Ansto fr uns, in neue Richtungen zu denken, Techniken und Prozesse genauer zu betrachten, die den Energiewandel ernsthaft vorantreiben knnen.

Dr.-Ing. Nicole Vorhauer-Huget (c) Jana Dünnhaupt Uni Magdeburg

Dr.-Ing.Nicole Vorhauer-Huget (Foto: Jana Dnnhaupt/ Uni Magdeburg)


Die Aufmerksamkeit von Dr.-Ing. Vorhauer-Huget und ihrer Forschungsgruppe richtet sich darauf,

Im Fokus steht Energieeinsparung und wie zunehmend fossile Brennstoffe durch erneuerbare Energiequellen zu ersetzen sind. Dafr nehmen wir Prozesse unter die Lupe und suchen nach Mglichkeiten, sie zu intensivieren, also mehr Produkte mit weniger Energieeinsatz pro Zeiteinheit herzustellen.

Gemeinsam mit Dr. Jan Barowski von der Ruhr-Universitt Bochum und Prof. Dr.-Ing. Alba Diguez Alonso von der TU Dortmund wollen sie als umweltschonende Alternative Mikrowellen fr energieintensive Stoffumwandlungsprozesse nutzen. Mikrowellen kennen wir aus der heimischen Kche und wissen, dass die Erwrmung damit viel schneller geht als mit konventionellen Methoden. Mit Mikrowellen wird auch in industriellen Prozessen die fr die Stoffumwandlung notwendige Wrmeenergie direkt im Produkt als sogenannte volumetrische Erwrmung erzeugt. Das geht viel schneller als indirekte Erwrmung, z.B. mit heiem Gas, und spart daher Zeit und somit vor allem Energie. Zudem knnen die in einem komplexen Prozess gegenseitig berlagerten und sich beeinflussenden Ablufe besser kontrolliert werden, da der Energieeintrag besser gesteuert werden kann. Und die CO2-Bilanz der dafr bentigten Wrmeenergie geht gegen Null, wenn aus Wind, Wasser oder Sonne erzeugter Strom bei der Mikrowellenerwrmung zum Einsatz kommt.

Das Projekt zur Mikrowellentechnologie ist ein Teilvorhaben des von der Deutschen Forschungsgemeinschaft (DFG) bereits in der zweiten Frderperiode mit knapp 12 Millionen Euro untersttzten Sonderforschungsbereichs / Transregio 287 BULK REACTION. In ihm arbeiten rund 40 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler verschiedener Bereiche der Unis Magdeburg, Bochum, Kiel und Dortmund. In diesem Verbund untersuchen Dr. Vorhauer-Huget und Kollegen, wie die Mikrowellenerwrmung fr Prozesse bis 1.000 C Energie-effizient anwendbar und steuerbar gemacht werden kann. Ausgangspunkt der Forschung war einst die Frage nach alternativen Verfahren fr die Trocknung thermisch dicker Materialien, z.B. von Ziegeln, welche durch die Industrie angeregt worden war. Gegenwrtig wird in einem Kooperationsprojekt zur industriellen Gemeinschaftsforschung (IGF) mit der Materialforschungs- und -prfanstalt an der Bauhaus-Universitt Weimar an dieser Fragestellung ebenfalls weiter geforscht. Doch auch in anderen Industriebereichen ist das Interesse gro: In der Lebensmittelindustrie ist die Mikrowellentechnologie bereits stark etabliert, zum Beispiel als Mikrowellengefriertrocknung. Wir kooperieren momentan mit der TU Mnchen um ein besseres Prozessverstndnis auf Basis fundierter wissenschaftlicher Erkenntnisse zu generieren, erlutert Dr. Nicole Vorhauer-Huget. Ansonsten findet sie auch Anwendung z.B. bei der Holztrocknung, der Herstellung von Schumen, Gussformen oder Katalysatoren. Dabei gehe es nicht nur um die Elektrifizierung selbst, sondern auch um die Realisierung bzw. bessere Steuerung von Prozessen. Mikrowellengefriertrocknung findet beispielsweise im Vakuum statt. Da knne man nicht einfach mit heier Luft erwrmen, mithilfe von Mikrowellen jedoch Wrme viel homogener und energieeffizienter in das Produkt eintragen, wenn der Prozess sinnvoll kontrolliert wird. Das Know-how hierfr wird in der Forschungsgruppe der Ingenieurin derzeit auf Basis neuer Computermodelle weiterentwickelt. Und auch fr geometrisch aufwndige Produkte mit Verfalzungen, wie beispielsweise bei diversen Keramikprodukten oder Gussformen, eignen sich Mikrowellen besser, um die Wrme fr ein gleichmiges Trocknen der Produkte einzubringen. Fazit: Die Anwendungsbereiche sind so vielfltig wie die damit verbundenen Prozessanforderungen und wissenschaftlichen Fragestellungen. Aufgrund der begrenzten Mglichkeiten in solchen Prozessen Temperaturen oder Stoffumwandlungen zu messen, ist daher die Entwicklung modellgesttzter Methoden von groer Bedeutung.

Die Verfahrenstechnikerinnen Dr. Nicole Vorhauer-Huget (li.) und Jun.-Prof. Dr.-Ing. Alba Dieguez Alonso bei Versuchsvorbereitungen  am Mikrowellenreaktor. (c) Jana Dünnhaupt Uni Magdeburg

Die Verfahrenstechnikerinnen Dr. Nicole Vorhauer-Huget (li.) von der Uni Magdeburg und Prof. Dr.-Ing. Alba Dieguez Alonso von der TU Dortmund bei Versuchsvorbereitungen am Mikrowellenreaktor. (Foto: Jana Dnnhaupt Uni Magdeburg)


Um solche Modelle zuverlssig mit echten Daten zu fttern, mssen die Eigenschaften der verwendeten Materialien in Abhngigkeit der Prozessbedingungen bestimmt werden. Sie sind hufig abhngig von der Zusammensetzung und der Temperatur, welche sich beide whrend des Prozesses dramatisch ndern knnen. Nur wenn das gelingt, knnen mit Computermodellen

untersucht werden.

Welche Prozessbedingungen sind notwendig, damit die gewnschten Reaktionen mglichst effizient ablaufen? Wie interagieren Mikrowellen mit den Materialien, die sich bei hohen Temperaturen durch chemische Reaktionen oder durch Trocknung, Bewegung, Schrumpfung und hnliches im Prozess stndig ndern? Das sei noch nicht verstanden, vor allem weil es experimentell nicht messbar ist, sagt die Wissenschaftlerin. Darum entwickeln die Forscherinnen und Forscher zustzlich zu experimentellen Methoden Computermodelle.

In eigens dafr angefertigten Reaktoren untersucht das Magdeburger Team mit Kooperationspartnern unter kontrollierten Laborbedingungen chemische Prozesse. Ein Beispiel: Die Pyrolyse von Biomasse zur Herstellung von Pyrolyselen, -gasen und kohlenstoffbasierten Feststoffen. In diesem komplexen Prozess ist die Umwandlung von Wrme und Stoff besonders stark miteinander verflochten. Eine echte Herausforderung fr die Modellentwicklung, Parametrierung und Validierung. Deshalb ist die Kooperation innerhalb des Sonderforschungsbereichs BULK REACTION so extrem wichtig, weil hierfr viele verschiedene Expertisen zusammenkommen mssen. Auf Basis der Zusammenarbeit der verschiedenen Fachbereiche, u.a. Verfahrenstechnik, Physik, Informatik, wird es zuknftig mglich sein, bisher nicht messbare, sehr dynamische Prozessablufe auf verschiedensten Grenskalen aufzulsen und vorherzusagen. Es knnten also knftig auf Grundlage unserer Forschung bald bessere Verfahren zur Gewinnung nachhaltiger Produkte bereitstehen. Wir wissen, wie Prozesse funktionieren. Darum knnen wir sie auch transformieren und verbessern.

Die Wissenschaftlerin sieht darin ein groes Potenzial auch projektbergreifend, z.B. zum Forschungscluster SmartProSys.

Die Arbeit von Verfahrenstechnikerinnen und -technikern ist oft nicht so greifbar wie beispielsweise die der Maschinenbauerinnen und Maschinenbauer oder Informatikerinnen und Informatiker, da sie sich industriellen Stoff- und Energieumwandlungsprozessen widmen, die im Inneren von Apparaten stattfinden und in der Regel nicht sichtbar sind, sagt sie. Aber, es wird unsere Aufgabe sein, die industriellen Prozesse in den nchsten 20 Jahren so zu verndern, dass die deutsche Industrie sptestens im Jahr 2050 CO2-neutral produzieren kann. Ein Anliegen sei ihr darum, den Nachwuchs in der Verfahrenstechnik zu frdern, der kontinuierlich vorantreiben msse, wofr jetzt die Grundlagen gelegt werden.

Autor:in: Ines Perl