Ein Buchscanner, der Seiten umblättert, ein Treppensteiger, der Hindernisse überwindet, ein Flaschenöffner, der Handgriffe automatisiert und Roboter, die LEGO-Figuren erkennen, sortieren oder Daten gewinnen: Was nach Spielzimmer klingt, ist an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg seit 15 Jahren ein ernst gemeintes Lehrformat. Im „LEGO-Praktikum“ lernen Studierende, wie aus einer Idee ein funktionierendes technisches System wird und warum Scheitern oft der produktivste Teil des Lernens ist.
Offiziell heißt das Format „Projektseminar Elektrotechnik/Informationstechnik (Lego-Mindstorms)“. Der populärere Name stammt von den Studierenden selbst. Zwei Wochen lang arbeiten sie in der vorlesungsfreien Zeit allein oder in Zweiergruppen an Robotern und Automaten aus LEGO-Technik-Teilen, Motoren, Sensoren, Zahnrädern, Kettenantrieben und programmierbaren Bausteinen. Die Aufgaben wählen sie selbst: Manche Maschinen sammeln Gegenstände ein, zeichnen Linien, bauen Brücken, spielen Tic-Tac-Toe, spenden Seife oder öffnen Flaschen. Andere erfassen Farben, Formen oder Bewegungen und zeigen damit, wie aus Sensorwerten Datensätze entstehen.
Darin liegt die gesellschaftliche Relevanz des Seminars: Digitalisierung, Automatisierung und künstliche Intelligenz beginnen dort, wo reale Welt und Daten zusammentreffen. Wer einen Roboter baut, der LEGO-Figuren erkennt, muss Kamerabilder oder Sensordaten strukturieren, Fehlerquellen verstehen, Algorithmen testen und Ergebnisse nachvollziehbar erklären. Das sind Kompetenzen, die auch in Medizintechnik, Industrieautomatisierung, Mobilität oder Energietechnik gebraucht werden.
Bei der Einführung des Seminars ging es darum, Theorie früher praktisch erfahrbar zu machen. Das Projektseminar wurde ursprünglich von Prof. Georg Rose entwickelt und über viele Jahre an dessen Lehrstuhl durchgeführt. Heute wird es von Dr. Mathias Magdowski und seinem Team erfolgreich weitergeführt und kontinuierlich weiterentwickelt. „Die Idee war, dass die Studierenden an etwas Praktischem arbeiten können, während sie trotzdem das Programmieren weiter vertiefen und auch außerfachliche Kompetenzen wie Teamarbeit und Zeitmanagement lernen“, sagt Mathias Magdowski vom Lehrstuhl für Elektromagnetische Verträglichkeit. Anfangs habe es Vorbehalte gegeben: Ob ein Seminar mit LEGO nicht zu sehr nach Kindergarten klinge, sei gefragt worden. Durchgesetzt haben sich die Steine, weil sie schnelle Ergebnisse ermöglichen: bauen, testen, umbauen.
Genau dieses Prinzip macht das Praktikum modern. Es vermittelt MATLAB, Schleifen, Funktionen, Datenstrukturen und Fehlersuche, aber auch eine Haltung, die in technischen Berufen entscheidend ist: Probleme werden iterativ gelöst. Wenn ein Greifarm abrutscht, ein Sensor falsche Werte liefert oder ein Roboter an einer Kante hängen bleibt, müssen Mechanik, Elektronik und Software gemeinsam gedacht werden. Aus spielerischem Material entsteht so ein realistischer Blick auf Ingenieurarbeit.
Zum Jubiläum zeigt sich auch, wie stark sich Lehre geöffnet hat. Die Ergebnisse bleiben nicht im Seminarraum. Studierende dokumentieren ihre Projekte in Videos, Zwischenstände werden in sozialen Netzwerken geteilt, Abschlusspräsentationen werden seit der Corona-Pandemie aus dem Studio und Konferenzraum des Medizintechnik-Forschungscampus STIMULATE gestreamt und anschließend auf YouTube veröffentlicht. Zusätzlich erscheinen Berichte der Studierenden in einer Open-Access-Reihe der Universitätsbibliothek. Damit wird aus einer Prüfungsleistung Wissenschaftskommunikation: Die Öffentlichkeit sieht, wie technische Ideen entstehen und wie viel Kreativität in einem Ingenieurstudium steckt.
Für die Studierenden ist diese Sichtbarkeit Anerkennung und Training zugleich. „Die Präsentation ist noch einmal eine Bestätigung für die Mühen der Studierenden, da sie wissen, dass sich nicht nur drei Lehrpersonen ihre Ergebnisse ansehen, sondern auch die interessierte Öffentlichkeit“, sagt Magdowski. Nach 15 Jahren zeigt das LEGO-Praktikum, wie Hochschullehre junge Menschen auf eine Arbeitswelt vorbereitet, in der Technik verständlich und im Team entwickelt werden muss.