Sie hat auf professionellen Bühnen getanzt, heute untersucht Ulrike Groß, wie der Tanz Parkinson-Betroffenen helfen kann. Die 36-Jährige frühere Profitänzerin ist heute Graduiertenstipendiatin beim Bereich Sportwissenschaft an der Otto-von-Guericke-Universität Magdeburg.
Dabei war der Weg von der Bühne zur Universität für Ulrike Groß nie ein Bruch. „Für mich ist dieser Wegwechsel alles andere als ungewöhnlich", sagt sie. Schon vor ihrer Ausbildung zur staatlich anerkannten Bühnentänzerin hatte sie Gesundheitspädagogik und Erziehungswissenschaften in Freiburg studiert, später folgte ein Studium der Tanzwissenschaften in Bern. Die Wissenschaft, sagt sie, sei die logische Fortsetzung ihrer Leidenschaft, mit einem größeren Ziel: „Ich hoffe, einen kleinen Beitrag dazu leisten zu können, dass Tanz als Ressource für jede und jeden mehr in den Mainstream gelangt."
An der Uni Magdeburg forscht die Sportwissenschaftlerin nun zur Wirksamkeit von Tanz auf die motorischen Symptome von Parkinson-Betroffenen. Die Erkrankung schränkt Patienten und Patientinnen durch Gangstörungen, Bewegungssteifigkeit und Gleichgewichtsprobleme massiv im Alltag ein. Medikamente helfen zwar, allerdings auf Dauer immer weniger. Hier setzt Ulrike Groß an.
„Tanz stimuliert unser Gehirn auf motorischer, sensorischer, kognitiver und emotionaler Ebene", erklärt sie. Vor allem der Rhythmus der Musik spiele dabei eine besondere Rolle. Er wirke als externer Taktgeber und könne die durch das Dopamindefizit gestörte Bewegungssteuerung kompensieren. „Kurz gesagt: Tanz trainiert nicht nur den Körper, er spricht gleichzeitig Gehirn, Psyche und soziales Leben an.“
Ulrike Groß leitet für die Studie zur Untersuchung der Auswirkung von Tanz auf Parkinson-Betroffene, Tanztrainings: Zwei Gruppen mit insgesamt rund 27 Teilnehmenden haben sich über 18 Wochen zum gemeinsamen Tanz-Training getroffen. Dabei läuft das Tanztraining so ab, dass es immer zuerst eine Aufwärmung gibt, dann folgen freie Improvisation, Choreographie und Cool-Down. Auf dem Stundenplan stehen Country Dance, griechische Kreistänze, Tango, Cha-Cha-Cha und Polka.
Was dabei im Kursraum passiert, beschreibt Ulrike Groß mit einem großen Lächeln: „Der Tanzkurs ist für mich etwas ganz Besonderes. Ich habe hier die Chance, meine Welt des Tanzens mit Menschen zu teilen und gleichzeitig zu erfahren, wie diese Menschen als Tänzerinnen und Tänzer sind und wie sie das Ganze mit mir zusammen entdecken. Wir lachen sehr viel. Die Erkrankung Parkinson rückt sehr, sehr weit in den Hintergrund. Die beschäftigt uns eigentlich gar nicht. Es geht ums Im-Moment-Sein mit allen zusammen und darum, das Tanzen und die Musik zu genießen."
Dass dieser Effekt weit über den Kursraum hinauswirkt, bestätigt Peter Kaminski, der seine Frau als Begleiter zu den Tanzstunden bringt: „Der Tanzkurs hat sehr positiven Einfluss. Es macht meiner Frau sehr viel Spaß und auch mir. Ich kann beobachten, wie sie auflebt, wie ein bisschen die Depression weggeht. Diese feste Institution, das ist wunderbar." So sehr, dass das Ehepaar den Kurs auch nach Ende der Studie fortführen will, im Seniorentanz.
Besonders ans Herz gehen Ulrike Groß die Momente der Improvisation, ausgerechnet der Teil, den die meisten Teilnehmenden anfangs am wenigsten mögen. „Wenn es gelingt, dass sich alle darauf einlassen und frei tanzen, ohne darüber nachzudenken, ist das für mich wundervoll." Was sie außerdem beobachtet: Die Teilnehmenden werden mutiger. Sie probieren Neues aus, bauen Hemmungen ab und führen Schrittmuster mit der Zeit immer sicherer aus. Die schönste Rückmeldung für sie ist „wenn Personen, die skeptisch gestartet sind, fragen, ob es eine Möglichkeit gibt, weiterzumachen."
Auch ihre eigene Haltung gegenüber den Teilnehmenden hat sich durch die Arbeit verändert. „Bevor ich das erste Mal das Tanztraining angeleitet habe, hatte ich großen Respekt davor, was mich erwartet", gesteht Ulrike Groß. In ihrer Vorstellung warteten hochgradig immobile Menschen mit einem enormen Sturzrisiko auf sie. Die Realität war eine andere: „Die Arbeit mit Parkinson-Betroffenen hat mir gezeigt, dass sie noch über zahlreiche Ressourcen verfügen, die genutzt und vor allem gefördert werden müssen. Wenn ich ehrlich bin, denke ich während des Trainings keine Millisekunde darüber nach, dass es eine Parkinson-Tanzgruppe ist. Für mich sind das Erwachsene, die tanzen wollen."
Das Tanztraining endet vorerst im Juni, doch für die Sportwissenschaftlerin ist das erst der Anfang. Ein weiterer Studiendurchlauf ist für 2027 geplant, dann mit einer neuen Dimension: EEG-Messungen sollen zeigen, ob Tanz auch neurophysiologische Veränderungen im Gehirn auslöst. Parallel arbeitet sie an ihrer Promotion. „Ich liebe das, was ich tue, und versuche mein Bestes, andere einzuladen, die Welt des Tanzens mit mir zusammen zu entdecken“, sagt sie abschließend.
Für alle Parkinson-Betroffenen, die daran interessiert sind ab 2027 an der Studie teilzunehmen, ist eine Anmeldung ab sofort möglich. Bei Interesse können sie sich unter der Mail oder unter der Telefonnummer 0391 – 6757048 informieren.