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31.03.2026 aus 
Forschung + Transfer
"Man sollte sich im Studium nicht dauerhaft mit Zukunftsängsten belasten."

Die Arbeitslosigkeit unter Akademikerinnen und Akademikern ist gestiegen. Für viele Studierende sorgt das für Verunsicherung. Wie ernst ist die Lage wirklich? Für das Campusmagazin ordnet der Wirtschaftswissenschaftler Prof. Andreas Knabe die aktuellen Zahlen ein, erklärt die Ursachen und sagt, warum Studierende sich trotz schwierigerer Zeiten nicht verrückt machen lassen sollten.

Aktuell berichten viele Medien über gestiegene Zahlen arbeitsloser Akademikerinnen und Akademiker. Wie ordnen Sie diese Entwicklung ein?

Zunächst einmal ist festzuhalten, dass die Arbeitslosenquote insgesamt angestiegen ist und damit auch die von Akademikerinnen und Akademikern. Vergleicht man die aktuellen Zahlen mit dem Jahr 2022, also mit der Phase, in der der Arbeitsmarkt nach der Corona-Pandemie in sehr guter Verfassung war, dann sieht man diesen Anstieg deutlich. Bei Akademikerinnen und Akademikern lag die Arbeitslosenquote 2022 bei etwa 2,2 Prozent, zuletzt bei 2,9 Prozent. Das klingt zunächst nicht nach sehr viel. Zum Vergleich: Die allgemeine Arbeitslosenquote ist im selben Zeitraum von 5,3 auf 6,3 Prozent gestiegen.

Die Ursachen liegen in der allgemeinen wirtschaftlichen Lage: Energiepreiskrise, Unsicherheiten durch internationale Konflikte, die Zollpolitik der USA und weitere Faktoren. Hinzu kommt der demografische Wandel. Unternehmen fragen sich zunehmend, ob sich Investitionen am Standort Deutschland langfristig lohnen. Wenn sie unsicher sind, investieren sie zurückhaltender – und dann fehlen auch neue Arbeitsplätze. Trotzdem gilt: Wir sprechen bei Akademikerinnen und Akademikern weiterhin von einem sehr niedrigen Niveau. Bei rund drei Prozent Arbeitslosigkeit kann man im Grunde noch immer von Vollbeschäftigung sprechen.

Bedeutet das auch, dass der Berufseinstieg schwieriger geworden ist?

Ja, das kann man so sagen. Unternehmen reagieren auf Unsicherheit zunächst meist nicht mit Entlassungen, sondern damit, dass sie weniger neue Stellen schaffen oder freiwerdende Stellen erst einmal nicht neu besetzen. Genau das trifft Berufseinsteiger besonders. Auch die Zahl der offenen Stellen ist deutlich zurückgegangen: von rund zwei Millionen im Jahr 2022 auf etwa eine Million. Für junge Akademikerinnen und Akademiker bedeutet das, dass der Einstieg länger dauert. 2022 brauchten Akademiker unter 25 im Durchschnitt knapp 60 Tage, um einen ersten Job zu finden. 2025 waren es gut 80 Tage – also etwa drei Wochen mehr. Das ist ein Zeichen für die schwächere Lage am Arbeitsmarkt. Gleichzeitig muss man sagen: Im Durchschnitt sind zweieinhalb Monate bis zum ersten Job noch immer keine dramatisch lange Zeit.

Gibt es Gruppen oder Fachrichtungen, die besonders betroffen sind?

Ja, Unterschiede gibt es durchaus. Besonders niedrige Arbeitslosenquoten sehen wir im öffentlichen Dienst, bei Lehrkräften, in der Medizin, der Informatik und auch im Finanzwesen. Höher sind die Quoten in Bereichen wie Marketing und Werbung, in Teilen der Geisteswissenschaften oder bei Tätigkeiten, die stark forschungsorientiert und weniger anwendungsnah sind. Wichtig ist aber: Ein Studium legt nicht automatisch auf genau einen Beruf fest. Gerade darin liegt auch eine Stärke. Wer flexibel ist und sich nicht nur auf ein sehr enges Tätigkeitsfeld konzentriert, hat meist deutlich bessere Chancen.

Internationale Studierende sind an der Uni Magdeburg stark vertreten, insbesondere in technischen Fächern. Ist ihre Situation beim Berufseinstieg derzeit schwieriger?

Ja, das kann man durchaus so sagen. Internationale Studierende sind von einer schwächeren Arbeitsmarktlage oft stärker betroffen. Wenn Unternehmen zurückhaltender einstellen und weniger Praktikums- oder Einstiegsstellen anbieten, steigen die Anforderungen – etwa im Hinblick auf Sprachkenntnisse, Praxiserfahrung oder bereits vorhandene Netzwerke. Genau hier haben internationale Studierende häufig zusätzliche Hürden. Gleichzeitig gilt aber: Die Qualifikationen internationaler Studierender sind weiterhin gefragt. Gerade in technischen und naturwissenschaftlichen Bereichen besteht ein hoher Bedarf an gut ausgebildeten Fachkräften.

Entscheidend ist daher, die Übergänge in den Arbeitsmarkt zu erleichtern – etwa durch mehr Praxisbezug im Studium, gezielte Unterstützung beim Erwerb von Sprachkenntnissen und bessere Vernetzung mit Unternehmen. In diese Richtung gehen auch aktuelle Initiativen an unserer Universität, die zum Beispiel internationale Studierende gezielt mit Alumni und regionalen Unternehmen vernetzen und beim Berufseinstieg begleiten. Solche Formate können auch bei einer schwierigen Arbeitsmarktlage helfen, Informationsdefizite abzubauen, Kontakte zu schaffen und den Einstieg in den regionalen Arbeitsmarkt zu erleichtern.

Gilt der Hochschulabschluss also weiterhin als sichere Grundlage für den Arbeitsmarkt?

Garantien gibt es im Leben nie. Aber wenn man nach der Qualifikation mit den besten Arbeitsmarktchancen fragt, dann ist das nach wie vor der Hochschulabschluss. Die Arbeitslosenquote liegt bei Hochschulabsolventinnen und -absolventen aktuell bei 2,9 Prozent. Bei Menschen mit beruflicher Ausbildung ist sie höher, ohne Berufsabschluss liegt sie sogar bei über 20 Prozent. Das zeigt sehr klar: Ein Hochschulabschluss bietet nach wie vor die größte Beschäftigungssicherheit.

Was bedeutet eine schwierige Arbeitsmarktlage für junge Absolventinnen und Absolventen?

Kurzfristig kann das belastend sein. Arbeitslosigkeit oder auch nur die Phase der Arbeitssuche wirken sich auf das Wohlbefinden aus. Aus Studien wissen wir, dass Arbeitslosigkeit zu den belastendsten negativen Lebenserfahrungen gehört. Für Berufseinsteiger ist die Situation aber etwas anders als für Menschen, die später im Leben einen Arbeitsplatz verlieren. Nach dem Studium ist eine Suchphase in gewisser Weise erwartbar. Deshalb wirkt sie meist weniger stark belastend als ein Jobverlust mitten im Berufsleben. Langfristig zeigt sich dennoch: Wer in einer wirtschaftlich schwachen Phase ins Berufsleben startet, braucht oft etwas länger bis zum ersten Job und beginnt häufiger mit einem niedrigeren Einstiegsgehalt. Solche Unterschiede können sich über viele Jahre auswirken – teilweise über zehn bis 15 Jahre. Allerdings sind diese Folgen bei Akademikerinnen und Akademikern weniger stark ausgeprägt als in anderen Gruppen.

Sind die Sorgen vieler Studierender also berechtigt?

Die Sorgen sind verständlich, aber aus wissenschaftlicher Sicht besteht kein Grund für Alarm. Man sollte sich im Studium nicht schon dauerhaft mit Zukunftsängsten belasten. Alle Statistiken zeigen: Mit einem Hochschulabschluss hat man weiterhin die besten Chancen am Arbeitsmarkt. Selbst in wirtschaftlich schwächeren Phasen dauert es im Durchschnitt keine Ewigkeit, bis ein erster Job gefunden ist. Und man darf nicht vergessen: Viele suchen schon während des Studiums, viele melden sich gar nicht erst arbeitslos. Auch das taucht in den Zahlen nicht vollständig auf.

Wie steht Deutschland im europäischen Vergleich da?

Deutschland steht bei der Jugendarbeitslosigkeit im europäischen Vergleich relativ gut da. In Ländern wie Spanien oder Italien ist die Lage deutlich schwieriger. Dort ist der Einstieg in stabile Beschäftigung oft viel schwerer als hier. Das hat auch mit den Strukturen des Arbeitsmarktes zu tun. In manchen Ländern ist die Jobsicherheit für diejenigen, die bereits eine feste Stelle haben, sehr hoch – gleichzeitig ist es für junge Menschen schwer, überhaupt hineinzukommen. In Deutschland ist diese Verfestigung weniger stark. Deshalb sind die Chancen für Berufseinsteiger hier insgesamt besser.

Was können Studierende schon während des Studiums tun, um ihre Chancen zu verbessern?

Der wichtigste Rat ist eigentlich ganz einfach: mit Freude und mit Fleiß studieren. Die Studienzeit sollte man genießen, aber eben auch nutzen, um fachlich möglichst viel mitzunehmen. Gute Leistungen helfen beim Einstieg nach wie vor. Daneben lohnt es sich, das eigene Profil zu erweitern: Praktika, Auslandserfahrungen, soziales Engagement oder erste Einblicke in die Praxis machen den Einstieg oft leichter. Solche Erfahrungen zeigen nicht nur Fachwissen, sondern auch Eigeninitiative und Persönlichkeit.

Was würden Sie Studierenden persönlich mit auf den Weg geben?

Die Studienzeit sollte nicht davon geprägt sein, dass man sich ständig Sorgen um das macht, was später vielleicht passieren könnte. Die objektiven Zahlen zeigen sehr deutlich: Mit einem Hochschulabschluss ist man für die Zukunft nach wie vor am besten aufgestellt.